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InaiMathi Blog

Schoßgebete

Schoßgebete - © Piper Verlag

Es kam noch nicht oft vor, dass ich mir ein Buch direkt an seinem Erscheinungstag gekauft habe. Die Stoßgebete „Schoßgebete“ aus der Feder von Charlotte Roche waren es mir jedoch wert!

Der nunmehr zweite Roman der Wahlkölnerin wurde wie schon der inoffizielle Vorgänger „Feuchtgebiete“ (hier geht’s zu meiner Rezension) wegen seiner eindeutigen Thematik bereits vor Erscheinen kontrovers diskutiert. Und ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen: „Schoßgebete“ mag zwar im direkten Vergleich erwachsener daherkommen, mit dem Thema Sex und Erotik reifer umgehen, doch steht er Roches höchst detaillierten Ausführungen zum Thema Analfissur in nichts nach – und bringt erneut eine gewisse Tiefe mit sich, die durchaus zum Nachdenken anregt. Geht nicht? Geht sehr wohl! Es folgt meine Rezension zu „Schoßgebete“…

Schoßgebete
von Charlotte Roche
2011, Unterhaltung / Erotik, 283 Seiten
Piper Verlag

Die Autorin
Charlotte Roche, 1978 in High Wycombe, England geboren, war Moderatorin u.a. für VIVA, 3sat und das ZDF und wurde mit dem Grimme-Preis sowie dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2008 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Feuchtgebiete“, der mit seiner radikalen Offenheit eine gesellschaftliche Debatte auslöste und zum erfolgreichsten Buch des Jahres avancierte. Roche lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Köln.

Buchtrailer

Klappentext
Am liebsten tagsüber und Fenster zu wegen der Nachbarn. So mag es Elizabeth. Ihr Mann macht die Heizdecken auf dem Bett an, dann kann´s losgehen. Sie fährt sofort mit der Hand rein in Georgs XXL-Yogahose. Und ab hier betrügt sie ihre Männer hassende Mutter, die ihr beibringen wollte, dass Sex etwas Schlechtes sei. Hat aber nicht geklappt, Glück für Elizabeth, Glück für Georg. Aber Sex ist ja nicht alles, es gibt auch noch das Essenkochen für ihre Tochter Liza, und es gibt den Exmann, Lizas Vater. Keine geringe Rolle spielen auch ihre Ängste und ihre schrecklichen Eltern. Wobei diese Themen für Elizabeth seit dem Unfall immer zusammengehören. – Quelle

Der erste Satz

„Wie immer vor dem Sex haben wir beide Heizdecken im Bett eine halbe Stunde vorher angemacht.“

Kritik
„Schoßgebete“ ist eine Geschichte über das Zusammensein in all seinen Facetten. Eine Geschichte über die große Liebe, hemmungslos wilden inner- und außerehelichen Sex, die Rolle der Frau in unserer modernen Gesellschaft, und nicht zuletzt sind die „Schoßgebete“ zudem eine zutiefst persönliche Angelegenheit, was ihnen so ein bisschen einen autobiographischen Touch verleiht.

Der Roman umfasst nur 283 Seiten, also rund 60 Seiten mehr als damals „Feuchtgebiete“, und ist in die drei Kapitel „Dienstag“, „Mittwoch“ und „Donnerstag“ unterteilt. Roches Schreibstil, die verwendete Sprache ist dabei wie schon im inoffiziellen Vorgänger einfach, um nicht zu sagen äußerst simpel gestrickt. Ausgefallene Satzkonstrukte auf höchstem schriftstellerischen Niveau sucht man vergebens. Gleichzeitig sollte allerdings auch erwähnt werden, dass „Schoßgebete“ im Vergleich zu Roches Debütroman dennoch deutlich erwachsener, inhaltlich irgendwie reifer wirkt. Die Themen Liebe, Sex und Erotik, welche natürlich auch weiterhin einen hohen Stellenwert innerhalb der Geschichte inne haben, werden nicht mehr länger ausschließlich auf ekelig-plattem Niveau „abgearbeitet“, als Mittel zum Zweck verwendet, wie es noch in „Feuchtgebiete“ recht oft der Fall war. sondern in einem Kontext eingesetzt, der durchaus als ernst angesehen werden kann. Dennoch: Wer mit Sex, bzw. sexuellen Inhalten und allgemein dem ein oder anderen Ekel-Moment ein größeres Problem hat, sollte auch weiterhin einen Bogen um Romane aus der Feder der Charlotte Roche machen, denn schon der Beginn hat es in sich…

So beginnt „Schoßgebete“ mit einer 15-seitigen, höchst detaillierten Beschreibung eines good ol‘ Blowjobs, was sicherlich hektoliterweise Wasser auf den Mühlen ihrer zahlreichen Kritiker gleichkommt. Doch oh Wunder: Mit wirklich expliziten Sexszenen halten sich die „Schoßgebete“ in ihrem weiteren Verlauf auffällig zurück. Kein Vergleich zu „Feuchtgebiete, wo es vor solchen sexuellen Inhalten nur so wimmelte! Insgesamt gibt es vielleicht vier Stellen, an denen es eindeutig schlüpfrig zur Sache geht, der Rest ist im Grunde wirklich harmlos, bzw. nichts, was nicht jeder von uns, die wir alle nur Menschen sind, gerne tut, mal getan hat oder wenigstens kurz dran gedacht hat, es zu tun… ;)

Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Elizabeth Kiehl*, ihres Zeichens gebürtige Engländerin, 33 Jahre alt und hauptberuflich Mutter, die mit ihrer kleinen Tochter Liza, ihrem Mann Georg und dessen Sohn aus einer früheren Beziehung in Köln wohnt – eine echte Patchwork-Familie also! Elizabeth und Georg lieben sich abgöttisch, der Sex ist auch nach Jahren der Ehe wie vom anderen Stern und auch sonst könnte alles so schön sein, wären da nicht Elizabeths Probleme psychischer Art, die sie seit vielen vielen Jahren schon mit sich rumschleppt. Mittlerweile ist sie deswegen in Behandlung bei einer Therapeutin – und hier kommt der autobiographische Teil ins Spiel, der einen Großteil der Geschichte in Anspruch nimmt: Elizabeth redet sich dort zig traumatische Erlebnisse von der Seele, wie ihre geplatzte Hochzeit, einen schrecklichen Autounfall, bei dem sie einst ihre drei Brüder verloren hat, sie erzählt von ihrer Beziehung zu ihren Eltern, besonders intensiv und ausschweifend von ihrer männerhassenden Mutter, zu der sie (wohl?) nie ein gutes Verhältnis hatte, die sie inzwischen aus tiefstem Herzen mit all ihrer Seele hasst. Sie thematisiert Suizidgedanken, die sie beinahe täglich heimsuchen und denen sie sich nur allzu gerne hingeben würde. Dies sind allesamt überaus emotionale Stellen, die einen als Leser tief bewegen – wenn man sich denn drauf einlässt!

Eingerahmt werden diese überaus ernsten, autobiographischen Passagen in eine weitestgehend fiktive (?) Rahmenhandlung, die dann doch eher von vernachlässigbar seichter Natur ist. So geht es beispielsweise um die perfekten Stellungen beim Sex, den bereits eingangs erwähnten Wurmbefall (Achtung, hier wird’s ekelig!;), Schönheits-OPs an Brüsten und Schamlippen, den perfekten Analverkehr, die Zubereitung von Wirsing, sowie um den Besuch bei Prostituierten im örtlichen Bordell, den Elizabeth und ihr Mann sich ganz gerne zwischendurch mal gönnen. Darüber hinaus wird hier und da reichlich Kritik geübt an der „Druck“-Zeitung (BILD?), an „Boulevard-TV“ (RTL?) sowie – Hört! Hört! – an der „Anführerin der deutschen Frauenbewegung“ (Alice Schwarzer?), deren Sicht der Dinge Elizabeth nicht immer ganz nachvollziehen kann und stattdessen ihr ganz eigenes (kontroverses) modernes Frauenbild vertritt. Diese Passagen mögen zwar durchaus interessant sein, und doch, naja… plätschern sie so vor sich hin;alles schon mal irgendwo in leicht anderer Form gelesen. Bei einigen merkt man regelrecht, dass Roche bemüht war, die Kritik zwingend irgendwie irgendwo unterzubringen, was dann ein wenig den Eindruck einer persönliche Vendetta erweckt. Kritik an der Vorgehensweise der deutschen Journallie mag zwar grundsätzlich berechtigt sein, insbesondere, wenn es gegen eine reich bebilderte deutsche Boulevardzeitung geht, deren Qualität dann doch eher im unterirdischen Bereich angesiedelt ist, doch wäre das Buch nun nicht viel besser oder schlechter geworden, hätte sie besagte Passagen einfach weggelassen. Wirklich sehr gefallen hat mir hingegen der allgegenwärtige Witz, den Roche in die „Schoßgebete“ eingeflochten hat: Tiefschwarzer englischer Humor, der es wirklich in sich hat. Unfassbar witzig, ja stellenweise sogar brüllend komisch – selbst wenn es um ein eigentlich todtrauriges Thema geht!

Gegen Ende werden die Handlungsstränge aus Elizabeths Vergangenheit und Gegenwart zusammengeführt und sich ihrem Status quo angenommen. Man erfährt einiges über ihre Wünsche, Ängste und Sehnsüchte, die sie Tag ein Tag aus (an-)treiben weiterzumachen – oder aber beinahe zu verzweifeln. Sehr persönlich, sehr emotional, ehrlich bewegend! Die „Schoßgebete“ schließen nach 283 kurzweiligen Seiten mit einem wirklich überraschenden Liebesbeweis. Wie der genau ausschaut, sollte jeder Interessierte sich selbst erlesen.

Nachdem ich das Buch beendet, zugeschlagen und das Gelesene anschließend nochmals hatte Revue passieren lassen, stellte ich mir folgende Frage: Was genau habe ich da eigentlich gelesen? Eine „echte“ Autobiographie war es jedenfalls nicht, dafür wurde eindeutig zu viel gevögelt. Als Erotik-Literatur kann man „Schoßgebete“ allerdings auch nicht wirklich bezeichnen, denn dafür waren wiederum eindeutig zu viele „trockene“ autobiographische Elemente, zu viel Trauer und zu viel ausformulierter Schmerz vorhanden. Charlotte Roches zweiter Roman ist in meinen Augen weder Fisch noch Fleisch, ganz so als habe die Autorin sich auf Gedeih und Verderb nicht entscheiden können, in welches Genre sie ihr „Baby“ denn einsortieren will. Das muss ja nichts Schlechtes heißen, nur sollte man sich beim Kauf im Klaren sein, dass einen weder eine komplett seriöse Autobiographie, noch ein knallharter Erotikroman erwartet! Für mich machen diese fließenden Übergänge, dieser krasse Spagat zwischen recht banaler Erotikstory und einer wahrlich bewegenden autobiographischen Geschichte einen großen Teil der Faszination aus. Ob das jedermanns Geschmack trifft, sei mal dahingestellt…



Fazit
Charlotte Roche bleibt ihrem bekannten Stil treu – und das ist auch gut so! Von angenehm seicht, über ergreifend offen bis hin zu schonungslos brutalen Passagen ist alles dabei. Wer die „Schoßgebete“ jedoch als lockere Lektüre abtut, die man mal eben an einem Nachmittag weg liest, tut dem Roman absolut Unrecht! Das was Roche zum Ausdruck bringt, die Message ist sehr bewegend und lädt durchaus zum Nachdenken ein. Mir als Fan des Quasi-Vorgängers hat das Gesamtwerk auf jeden Fall gefallen, wer mit der Autorin, bzw. mit ihrem Stil nichts anfangen kann, wird mit dem Buch hingegen keine allzu große Freude haben. „Schoßgebete“ – eine Geschichte über das Zusammensein.

Hier geht’s zu meiner Rezi des inoffiziellen Vorgängers „Feuchtgebiete“…

*Charotte Roches zweiter Vorname ist Elisabeth, sie ist 33 Jahre alt, stammt gebürtig aus England und wohnt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter im wunderschönen Köln am Rhein. – Quelle

— InaiMathi, am 11. August 2011

Schoßgebete

Genre: Erotik / Unterhaltung
Veröffentlichung: 2011
Umfang: 283 Seiten
Autor: Charlotte Roche
Verlag: Piper Verlag
Wertung
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