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InaiMathi Blog

Pure Pool

Pure Pool - © Ripstone Games

Am Wochenende abends mit paar Kumpels noch schnell rüber in die Bar um die Ecke oder die berühmt-berüchtigte Kneipe von nebenan, den Billardtisch in Beschlag nehmen und der sich für gewöhnlich zügig versammelnden Zuschauertraube seine zweifelsohne vorhandenen Pro-Skills am abgewetzten Queue vorführen. Ja, so war das damals, als man noch kein bequemes Gewohnheitstier war. Wer inzwischen gepflegt einlochen will, schmeißt wahlweise den ollen PC an oder aber fläzt sich lässig ins Wohnzimmer auf die bequeme Couch und zockt eine gute, anspruchsvolle Billiard-Simulation, wie z.B. „Pure Pool“ auf der PlayStation 4.

Die von den in Birmingham, UK beheimateten VooFoo Studios entwickelte Sim rühmt sich jedenfalls ein wenig großspurig damit, die derzeit „beste Alternative zu echtem Billard“ zu sein. Was sich im ersten Moment wie relativ liebloses, vielleicht sogar beinahe schon verzweifeltes Marketing-Geschwätz liest, ist erstaunlicherweise gar nicht mal so weit hergeholt, wie ich mittlerweile feststellen durfte. Denn in der Tat: „Pure Pool“ macht definitiv eine ganze Menge richtig, ist bockschwer und definitiv für die ein oder andere ausschweifende Einloch-Session mit ein paar guten Freundinnen und entfernten Bekannten gut.

Weshalb genau mit „Pure Pool“ so gut gefällt und was MindScapes inzwischen fast zwanzig Jahre alte PC-Billard-Sim „Pool Champion“ nach wie vor besser macht, erfahrt ihr in meiner ausführlichen Review zur just im vergangenen Juli veröffentlichten PS4-Version von „Pure Pool“.

Pure Pool
2014, Billard-Simulation, PlayStation 4
Voofoo Studios / Ripstone Games
www.VoofooStudios.com/PurePool

Spieletrailer

Beschreibung
„Lass dich in die spannende Welt von ‚Pure Pool‘ entführen. Erlebe die prickelnde Atmosphäre einer Billardhalle bequem von deinem Wohnzimmer aus – in atemberaubender Grafik von VooFoo Studios! Ob du nun lieber solo spielst oder für den Wettkampf mit anderen Spielern lebst – ‚Pure Pool‘ ist die beste Alternative zu echtem Billard und wird dich ganz in seinen Bann ziehen!“ – Quelle

Kritik
Wer Billard mag, wird „Pure Pool“ lieben: Der Titel nennt zahlreiche verfügbare Spielarten sein Eigen, darunter die beiden weltweit beliebten Klassiker 8-Ball und 9-Ball, Killer, einige verrückte Pool-Challenges und diverse Minigames, sowie einen Karrieremodus, der laut Entwicklerangaben für bis zu 40 durchzockte Stunden (wobei ich dies dann doch eher anzweifele) gut sein soll. Die Spielart Snooker, welche auch hierzulande Dank der sensationell guten TV-Übertragungen auf Eurosport feat. Kommentator Rolf Kalb eine gewisse Popularität genießt, glänzt leider durch völlige Abwesenheit. Unterstützt werden zusätzlich Partien im Online- und lokalen Multiplayer, die in Echtzeit ausgetragen werden und deren Ansetzung leicht von der Hand geht. Wer mag, kann sich gar einer Online-Liga anschließen oder bei Bedarf eine eigene aus der Taufe heben. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings für all jene zu verschmerzen, die bevorzugt im lokalen Multiplayer gegen einen Freund antreten wollen: der zweite Spieler ist nämlich stets exakt dies: ein namen- und identitätsloser „Spieler 2“. Erspielte Abzeichen, Erfolge und Trophies werden somit nicht seinem Pure-Pool-Account gutgeschrieben, sondern verlieren sich im digitalen Nirwana der PS4.

Besonders stolz sind die Macher auf das sogenannte DNA-Feature, welches es erlaubt, sich die Player-DNA eines jeden beliebigen Spielers, mit dem man bis dato die Queues gekreuzt hat, herunterzuladen und künftig bei Trainingsspielen gegen ein digitales Abbild dieses Spielers anzutreten, welches sich – zumindest in der Theorie – durch die charakteristische Spielweise des jeweiligen Spielers anzeichnen soll. Wie geschrieben: zumindest in der Theorie. Im Grunde orientiert sich das DNA-System lediglich an einigen Statistiken und Vorlieben, wie Stoßgenauigkeit und welche Taschen bevorzugt zum Lochen genutzt werden, und versucht diese mehr oder weniger gelungen im Spiel wiederzugeben. Nichtsdestotrotz ein nettes Feature, dessen Nutzung allerdings kein Muss ist.

Das Herzstück von VooFoo Studios Billard-Simulation „Pure Pool“ ist ganz ohne Zweifel der Karriere-Modus. Wer hier antritt, hat einiges vor sich – und damit sind nicht nur alleine ellenlange Duelle gemeint, sondern insbesondere zahllose Frustmomente. Denn: die Gegner-KI präsentiert sich auf einem dermaßen knackig-schweren hammerharten Niveau, dass Anfänger zu Beginn ihrer Billard-Laufbahn erst einmal so überhaupt kein Land sehen dürften. Selbst für mich, der ich seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten entsprechende Sims auf verschiedenen Plattformen zocke und zudem auf eine ganz ansehnliche „Karriere“ als Bar-Queue-Schwinger verweisen kann, musste mich erst einmal einarbeiten, bis mir der erste Sieg gegen die Konkurrenz vergönnt war. Auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad sind die KI-Spieler quasi nicht, bzw. nur mit sehr viel Übung und einer nahezu perfekter Performance am Tisch zu schlagen, sprich: durch perfektes Einlochen und eine optimale Kugelpositionierung.

Die Gegnerriege setzt sich aus Schülern, Studenten, sexy-Latina-Chicks und angehenden Pro-Playern zusammen, allesamt visualisiert durch ein kleines Icon, das aufgrund seines Comic-Stils irgendwie nicht zur restlichen Optik des Spiels passen will. Mir ist schon klar, dass es sich hier um eine Anspielung auf den Quasi-Vorgänger, die PS3-Pool-Sim „Hustle Kings“, handelt – merkwürdig schaut’s dennoch aus. Eine Chance vertan wurde auch bei der Präsentation der Kontrahenten: Anstatt im Karriere-Modus Rivalitäten zu schüren, und sei es lediglich durch Texteinblendungen, findet vergleichbares überhaupt nicht statt. Was definitiv schade ist, denn ein kleines Pic macht halt noch keinen Charakter. Das hat selbst der inzwischen gut und gerne 20 Jahre alte Klassiker „Pool Champion“ von Entwickler MindScape besser hinbekommen! Ebenfalls bedauerlich: KI-Gegner werden nicht direkt in der Spielwelt visualisiert, stehen also nicht mit am Tisch, wie das lustigerweise in einem ersten Teaser-Trailer noch versucht wurde zu suggerieren, was einem mit der Zeit das Gefühl vermittelt, gegen einen Billard-besessenen Geist anzutreten. Auch, dass lediglich eine Location verfügbar ist, nämlich die eingangs bereits erwähnte Bar, drückt mangels auf Dauer fehlender optischer Abwechslung auf Dauer ein wenig auf die ansonsten gute Stimmung.

Und so wird man im Karriere-Modus das ungute Gefühl nicht los, lediglich eine lose Aneinanderreihung von Pool-Partien auszutragen, an derem Ende man – je nachdem, wie gut die gezeigten Stöße auf dem Tisch waren, mit mehr oder weniger Erfahrungspunkten und güldenen Sternen belohnt wird. Mit der Hilfe von letzteren können peu á peu weitere Karriere-Events freigeschaltet werden, bis man sich schließlich im großen Finale gegen den derzeitigen lokalen 8- oder 9-Ball-Meister konfrontiert sieht. Klingt unspektakulär – und ja, das ist es auch.

Zumindest bei einer Billard-Sim geht erfahrungsgemäß nichts über die höchst präzise Steuerung via Maus. Erstaunlicherweise sind jedoch auch mit dem Dualshock-4-Controller der PlayStation 4 in nahezu jeder erdenklichen Spielsituation präzise Stöße möglich. Gestoßen wird mit dem linken Stick. Per Druck auf die Kreis-Taste kann dem Stoß zudem je nach Lage mehr oder weniger starker Effet mitgegeben werden. Einen Überblick über den Tisch kann sich der aktive Spieler ebenfalls verschaffen: Allerdings haben es die Entwickler versäumt, eine Genre-übliche Top-View zu implementieren. Stattdessen zoomt die Kamera einfach nur sehr stark heraus, jedoch wird der Tisch anschließend immer noch leicht perspektivisch verzerrt dargestellt. Dies mag zwar grundsätzlich realistisch sein, denn in der Bar hat man bekanntlich auch nicht die Möglichkeit, sich die Lage der Kugeln von oben herab anzuschauen. Dennoch: Es wäre ein nettes Komfort-Feature gewesen, das wegen meiner auch gern optionaler Natur hätte gewesen sein können. Ebenfalls ärgerlich, wenn auch nur für echte Puristen: Die Hilfslinien, mit denen auf dem Tisch die Laufbahn der Kugeln visualisiert wird, lassen sich selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad nicht abschalten.

Absolut nichts zu bemängeln gibt es hingegen an der Physikengine von „Pure Pool“: Hier waren wahre Könner am Werk, die wissen, wie die Kugel rollt! Eine derart realistisch simulierte Kugelphysik ist mir bis dato noch in keinem anderen Billard-Titel untergekommen. Auch der gegebenenfalls verwandte Effet – die Königsdisziplin einer jeden Billard-Simulation – wird exakt der Realität entsprechend wiedergegeben. Cool: Wer zu hart stößt, geht das Risiko eines Fouls ein, indem etwa eine oder gleich mehrere Kugeln über die Bande springend das Tuch verlassen. Ebenfalls etwas, das ich noch nicht allzu oft gesehen habe.

Doch nicht nur allein die Physik ist grandios: Auch bei der Ansicht des oben verlinkten Launch-Trailers dürfte klar werden, dass VooFoo Studios‘ „Pure Pool“ die mit Abstand bestaussehenste Billard-Sim aller Zeiten ist. Die Optik ist fotorealistisch und läuft bei 1080p und gleichzeitigen 60FPS absolut ruckelfrei. Die verwandten Texturen, allen voran das extremst detaillierte Tuch sowie die Holzmaserung des Billardtischs, sind durch die Bank derart hoch aufgelöst, dass ich anfangs mehrfach dachte, ich hätte es mit einem Rendertrailer zu tun. Auch die einzige Location im Spiel wurde unheimlich atmosphärisch in Szene gesetzt. Gedimmtes Licht, im Hintergrund reges Treiben an der Bar. An anderen Tischen werden ebenfalls Kugeln gestoßen was das Zeug (und der Queue) hergibt. Und die Billardkugeln selbst mit ihren großartigen Reflexionen: eine Augenweide sondergleichen! Ein wenig schade finde ich, dass um den Spieltisch herum scheinbar eine Quarantänezone errichtet wurde. Zumindest hat sich nie jemand in die Nähe verirrt.

Nicht ganz so euphorisch bin ich hingegen, was die Sounduntermalung des Titels betrifft: Zwar wird die Bar-Atmosphäre durch stete Unterhaltungen der Gäste und die typische Geräuschkulisse eines laufenden Billardspiels gut rübergebracht, doch die gemächlich vor sich hin dudelnde Hintergrundmusik, die übrigens live vor Ort in der Bar von einer Band zum Besten gegeben wird, was mittels einsetzendem Applaus nach jedem Song suggeriert wird, ging mir zumindest nach der zehnten Wiederholung dezent auf die Nerven.

Pro
+ akkurat umgesetzte Kugelphysik
+ fotorealistische Grafik
+ gelungene Atmosphäre
+ knackiger Schwierigkeitsgrad
+ ein El Dorado für Trophy-Hunter
Contra
– nur wenige Spielmodi (kein Snooker!)
– auf Dauer nervige Musikkulisse
– nur eine Location (Bar)
– Charakter-Portraits wirken billig
– Hilfslinien nicht abschaltbar
– begrenzter lokaler Multiplayer

Fazit
Voo Foo Studios‘ „Pure Pool“ ist eine sehr realistische Billard-Simulation, die im Grunde nicht viel falsch macht: Das Gameplay spielt sich like a Charm, die Steuerung geht selbst mit dem PS4-Controller gut von der Hand und auch die im Spiel verfügbaren Spielmodi wissen zu überzeugen. Einzig die Abstinenz der populären Variante Snooker und der arg trockene, unpersönliche Karrieremodus enttäuschen. Zudem ist der Schwierigkeitsgrad bockschwer, was ein bisschen die ansonsten gute Zugänglichkeit verhagelt und nicht wenige potenzielle Käufer abschrecken dürfte. – Wer sich auf der PlayStation 4 eine waschechte Simulation des Billard-Sports zulegen möchte, um dann und wann gegen ein paar Freunde oder die CPU ein paar Kugeln einzulochen, kommt um „Pure Pool“ jedoch nicht herum!

— InaiMathi, am 7. Oktober 2014

Pure Pool

Genre: Billiard-Simulation
Release: 30. Juli 2014
Plattform: PlayStation 4
Spielzeit: 10 Stunden
Publisher: Ripstone Games
Entwicklerstudio: Voofoo Studios
Wertung
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