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InaiMathi Blog

Nothing To Hide

Traurig, aber wahr: Sehr viele Menschen da draußen legen bei den in der heutigen Zeit immens wichtigen Themen Datenschutz, Schutz der Privatsphäre und Verteidigung der Freiheit eine unfassbare Naivität an den Tag. Da hebt die Regierung mal eben ein Wahrheitsministerium aus der Taufe, da wird angesichts der Bedrohung durch Terroristen und andere Verwirrte durch die Hintertüre der Überwachungsstaat immer weiter ausgebaut, Bürgerinnen und Bürger werden zunehmend gläserner – und kaum einen der Betroffenen scheint’s allzu sehr zu tangieren. Die Standardrechtfertigung aller Standardrechtfertigungen, warum diese Entwicklungen einem im Grunde schnurzpiepegal sind, lautet dann in der Regel: „Na, ich hab doch nix zu verbergen!“ Ich sag’s ja, unfassbar naiv.

Die Tage bin ich aus einem Zufall heraus auf „Nothing To Hide“ aufmerksam geworden. Dabei handelt es sich um eine, wie ich finde, spannende Dokumentation der beiden in Berlin lebenden französischen Journalisten Marc Meillassoux und Mihaela Gladovic, die, wie ich ebenfalls finde, in beeindruckend bedrückender Manier aufzeigt, wie weit wir als Gesellschaft es schon haben kommen lassen. Dass die 24-Stunden-Überwachung und der „gläserne Bürger“ ohne wirkliche Privatsphäre schon lange keine bedrohliche Fiktion mehr sind, die allerhöchstens in irgendwelchen Blockbustern aus der Traumfabrik oder George Orwells gesellschaftskritischem Roman „1984“ eine Rolle spielt.

Für „Nothing To Hide“ wurde ein Proband, seines Zeichens ein junger Kreativer, der laut eigener Aussage wie so viele andere Menschen auch „nichts zu verbergen“ hat, einen Monat rund um die Uhr überwacht. Dies geschah, indem Daten, die auf seinem Smartphone, Laptop und weiterer Hardware im Sekundentakt gesammelt werden, von professionellen Daten-Analysten, wie sie auch bei dem ein oder anderen Geheimdienst ihren Dienst tun, ausgewertet und anschließend aufbereitet wurden. Den Experten ist es gelungen, ein quasi perfektes Profil des „Opfers“ zu erstellen: Sein Tagesrythmus – sprich Schlaf- und Wachzeiten – wurde minutengenau erfasst, überdies detaillierte Bewegungsprofile erstellt – also welche Wegstrecken wann, wie lange und wie oft zurückgelegt wurden sowie welche Locations wie häufig aufgesucht und wie lange an ihnen verweilt wurde -, Informationen darüber gesammelt welche Websites aufgerufen und welche Inhalte dort wie intensiv gelesen wurden, ja, selbst die politische Einstellung konnte über die Auswertung des Google-Suchverlaufs recht konkret bestimmt werden! – Und das alles ohne dass der Proband von einem anderen Menschen aktiv überwacht wurde, sondern ausschließlich durch die Analyse der von Smartphone und Laptop gesammelten Daten!

Der moderne Überwachungsstaat von heute benötigt eben nicht, wie zum Beispiel in George Orwells erwähnter Dystopie „1984“, allgegenwärtige Kameras, Mikrofone, Spitzel und Denunzianten, um über seine Bürger bescheid zu wissen. In Zeiten wie den unseren, in denen nahezu jeder Mensch der westlichen Welt ein mit dem Internet verbundenes Smartphone, Tablet und/oder Laptop sein Eigen nennt und seinen Alltag ohne eben dieses schon fast nicht mehr bestritten bekommt, reichen schon die permanent in der beschriebenen Manier zusammengetragenen Daten – seien es die direkt vom Betriebssystem gesammelten oder solche, die von installierten Apps erhoben werden -, um einen jeden Menschen bei Bedarf gläsern werden zu lassen. Natürlich wird hierzulande nach wie vor der Datenschutz hoch gehalten, aber wie lange wird das noch so sein? Die Infrastruktur zur totalen, annähernd lückenlosen Überwachung ist jedenfalls bereits vorhanden. Wie lange wird sich die eine oder andere Interessensgruppierung noch davon abhalten lassen, diese für ihre Zwecke zu nutzen? – Ich bin mir nicht sicher, ob sich all jene, die einen Großteil ihres Lebens ins Netz stellen, sei es nun bei Facebook, WhatsApp, Snapchat oder anderswo, darüber im Klaren sind, dass sie dadurch weit mehr von sich und ihrer Privatsphäre preis- und aufgeben als sie denken?

Dass die Realisierung von „Nothing To Hide“ keinerlei Förderung durch staatliche Stellen genossen hat und zudem offenbar auch kein Verleih aufzutreiben war, der die Doku in die Kinos bringt oder zumindest im größeren Stil auswertet, versteht sich angesichts des Themas, das viele Menschen angeht – aber eben nicht über die Maßen angehen soll -, von selbst.

— InaiMathi, am 12. Januar 2017
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