Gestern Abend haben wir uns das von Netflix live aus Manchester, UK gestreamte Darts-Event „Beat Luke Littler“ angeschaut. In dessen Rahmen bekamen 24 Amateur-Spieler die Chance, gegen Luke Littler, seines Zeichens 19 Jahre alt und amtierender Darts-Weltmeister der Professional Darts Corporation (PDC), anzutreten und – so sie ihn denn in einer nur 1-Leg dauernden Partie 501 besiegen – ein „life changing“ Preisgeld in Höhe von £501.000 mit nach Hause zu nehmen. – So das Konzept des Formats.
Nun muss man wissen: Luke Littler verliert zwar dann und wann mal ein Darts-Spiel, – allerdings nicht allzu oft. Wer mal in die Darts-Übertragungen auf Sport1 oder anderswo reingeschaut hat, dürfte sich dessen durchaus bewusst sein. Der Junge ist wirklich sehr, sehr gut, ein herausragender Darts-Pro, vielleicht sogar der beste, den dieser Sport je hervorgebracht hat. Wie interessant ist es da also, ihm dabei zuzuschauen wie er einen Amateur nach dem anderen in die Schranken weist? – Nicht allzu interessant, muss ich leider konstatieren.
Das Feld der Herausforderer setzte sich zu einem beträchtlichen Teil aus aufstrebendem Darts-Nachwuchs zusammen, garniert mit dem ein oder anderen alterstechnischen Ausreißer nach oben. Alles in allem dürfte der Altersdurchschnitt bei Mitte 20 gelegen haben. Natürlich hatte das Gros der Herausforderer erwartungsgemäß keine Chance gegen den routinierten PDC-Champion. Einzig, wenn bei Littler mal die ein oder andere Unkonzentriertheit aufkam oder er von einem Bouncer, dem Abprallen eines Dartpfeils von der Scheibe, heimgesucht wurde, wurde es zum Checkout hin enger, wodurch wiederum auch mal so etwas wie Spannung aufkam. Die Regel waren solche knappen Duelle jedoch nicht und der Klassenunterschied zwischen Littler und seinem jeweiligen Herausforderer war meist überdeutlich sichtbar, weshalb das Event über weite Strecken ohne nennenswerte Highlights auskam und spannungstechnisch vor sich hin plätscherte. Die gespielten 180er konnte man an einer Hand abzählen, und auch auf einen spektakulären 9-Darter von Littler warteten die Zuschauer vergebens. Echt lahm, irgendwie.
Lahm waren auch die Zuschauer vor Ort in der Manchester Central Hall, die das Geschehen auf der Bühne über weite Strecken einigermaßen emotionslos verfolgten. Echte Darts-Atmosphäre wollte angesichts der kurzen, wenig spektakulären Duelle Littlers gegen überwiegend unbekannte, haushoch unterlegene Herausforderer nicht so recht aufkommen. Daran konnten auch PDC-Caller Huw Ware und die extra für diesen Abend aus der wohlverdienten Rente zurückgeholte Announcer-Legende John McDonald nicht viel ändern. Versuche einzelner Fans, die Crowd zum Chanten oder gar Singen zu animieren, verliefen im Sand.
Nach knapp zweieinhalb Stunden stand schließlich Fallon Sherrock als nächste Herausforderin von Luke Littler fest. Die 32-jährige selbsternannte „Queen of the Palace“ hatte sich zuvor in einem live via Netflix-App durchgeführten Zuschauer-Voting gegen den – zumindest bei mir Fremdscham auslösenden – Deutschen Jarod Becker durchgesetzt. Sherrock ist, wie die Produktion die Zuschauer während des Walk-Ons hat wissen lassen, eigentlich gelernte Hair-Stylistin. Allerdings – so viel weiß ich wiederum als Zuschauer der Darts-Übertragungen auf Sport1 – tritt sie zudem auch regelmäßig in der PDC Women’s Series an, wo sie aktuell Platz 3 der PDC-Weltrangliste belegt, und hat sich auch in anderen Darts-Turni… – Moment mal! War im Konzept des Netflix-Events nicht von „Amateuren“ die Rede, also Leuten, die den Sport ausdrücklich nicht professionell ausüben? Inwiefern passt da eine Sherrock rein, die ihr Geld seit Jahren als Darts-Pro verdient? Letzteres sogar bei Veranstaltungen der bei „Beat Luke Littler“ ganz offensichtlich involvierten PDC!
Wie dem auch sei: Am Ende ihrer 501-Partie gegen Littler, der zu diesem Zeitpunkt bereits 14 gespielte Legs im Wurfarm hatte und fast genau so viele aus dem Rhythmus bringende Unterbrechungen über sich hat ergehen lassen müssen, trat Fallon Sherrock als strahlende Siegerin vom Oche weg und nahm erst eine imho hässliche, optisch überaus generische Siegertrophäe sowie danach noch einen überdimensionalen Scheck mit ihrem erspielten Preisgeld entgegen. Wenige Minuten nach Sherrocks erfolgreichem Checkout war das Event dann auch schon vorbei und stand bei Netflix als VoD zum Abruf bereit.
War „Beat Luke Littler“ sehenswert? Eher nicht. War das Event gute Werbung für den Darts-Sport? Nö. Was hatte Luke Littler davon? Außer seiner Antrittsprämie wahrscheinlich nicht allzu viel. Und Netflix? Hat wahrscheinlich ein paar zehntausend Abos verkauft.
Gegenüber der „Daily Mail“ tat Sherrock im Anschluss an ihren Sieg übrigens kund, dass sie das Preisgeld, welches für so ziemlich jeden Amateurspieler wohl tatsächlich „life changing“ wäre, nicht braucht. Naja.
Merkwürdige Veranstaltung.