Jeder kennt mit Sicherheit den ein oder anderen bereits ein wenig in die Jahre gekommenen Hollywood-Streifen, in dem die Schauspieler in ihrer Karre sitzen und so tun als würden sie tatsächlich durch die Gegend fahren, während sie sich angeregt unterhalten, telefonieren, heranzischenden Kugeln ausweichen und die wildesten Stunts abziehen. Der Eindruck der Autofahrt wurde damals durch einen Greenscreen erzeugt, der während der Post-Produktion dann durch ein Video einer Autofahrt ersetzt wird.
Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt der „JR East Train Simulator“ von Ongakukan, der von JR East, einem der (zumeist pünktlichen) japanischen Pendants zur hiesigen chronisch verspäteten Deutschen Bahn, in Auftrag gegeben und seit seinem Release im November 2022 auch gepublisht wird. Nur mit dem Unterschied, dass nicht irgendein Star oder Sternchen aus der Traumfabrik im Führerstand des Zuges Platz nimmt und so tut als ob, sondern der geneigte Sim-Enthusiast mit Japan-Affinität.
Ob das geschilderte Konzept eines virtuellen Green-Screens im öffentlichen Personen-Nahverkehr so aufgeht wie sich die Macher das erhoffen, klärt meine Review zur PC-Version der Simulation.
Intro-Video
Review
Im „JR East Train Simulator“ schlüpft der Spieler in die Uniform eines Zugführers in Diensten der East Japan Railway Company (JR East) und übernimmt die Kontrolle über eine der in der Simulation enthaltenen offiziell lizensierten Nahverkehrslinien des Unternehmens. Insgesamt kann der Titel mit acht Linien aufwarten:
- Keihin-Tohoku Negishi Line
- Tokaido Line
- Chuo Line Rapid Service
- Oito Line
- Senseki Line
- Shinetsu Line
- Hachinohe Line
- Hachikō Line
Doch aufgepasst: Nur eine der in der Simulation enthaltenen Zuglinien, namentlich die Keihin-Tohoku Negishi Line, welche zwischen den beiden Städten Omiya in der japanischen Präfektur Saitama und Ofuna in Kanagawa pendelt und insgesamt 40 Haltestationen sowie eine Streckenlänge von 81,2 Kilometern ihr Eigen nennt, ist in voller Länge befahrbar! Alle weiteren genannten Linien liegen im reviewten Basis-Pack des Simulators lediglich als stark verkürzte Versionen vor, gewissermaßen als Lust auf mehr machen sollende Teaser für den zum Kauf bereitstehenden Downloadable Content. Wer sie in voller Länge in Angriff nehmen will, muss sich zwingend besagte DLCs zulegen, deren Preis auf Steam – kein Scherz – schon mal über dem des Basis-Packs angesiedelt sein kann. Und es gibt noch einen weiteren Haken: Die jeweiligen Zuglinien sind immer nur in einer Richtung bedienbar. Im Falle der Keihin-Tohoku Negishi Line wäre das aus Omiya kommend in Richtung der Endhaltestelle Ofuna. Eine Rückfahrt aus Ofuna nach Omiya ist indes nicht möglich. Selbes gilt für alle verkürzten Linien: Auch hier ist immer nur eine Fahrtrichtung möglich.
Kommen wir zum Fahrmaterial: In der Sim kommen auf den einzelnen Linien exakt jene Zugmodelle zum Einsatz, die auch in der Realität auf diesen eingesetzt werden. Auf der Keihin-Tohoku Negishi Line kann der Spieler sich in den Führerstand des Modell Series E233-1000 von JR East setzen. Weitere, auf den anderen Linien verfügbare Zugmodelle sind beispielsweise E 233-3000, E 129 sowie die Kiha E 130-500. Sie alle unterscheiden sich hinsichtlich des an den Tag gelegten Fahrverhaltens, der erreichbaren Höchstgeschindigkeit sowie ihres Bremswegs voneinander. Eine schraubengenaue Simulation der einzelnen Züge darf der Spieler indes nicht erwarten.
Die Führerstände der im Simulator enthaltenen Züge wurden größtenteils abfotografiert und schauen dementsprechend sehr detailliert aus, quasi wie in der Realität. Ausmodelliert oder gar für eine Bedienung per Maus interaktiv gestaltet wurden sie jedoch nicht. Lediglich die im Cockpit verbauten Displays und Tachometer sind dynamisch und zeigen etwa die aktuell anliegende Geschwindigkeit, Bremskraft, die auf die Fahrgäste einwirkenden G-Kräfte sowie den Status der einzelnen Waggontüren an. Eine Taschenuhr, die jeder Zugführer bei JR East auch im Jahr 2026 noch mit sich führen muss, zeigt die aktuelle Uhrzeit an und mahnt zur strikten Einhaltung des Fahrplans. Weitere interaktive, bzw. dynamische Elemente gibt es nicht: Weder wandern Schatten mit, noch sorgen Kurven, Weichen, abruptes Anfahren, Beschleunigen oder Bremsen für ein Verschieben der Perspektive, um ein wenig die einwirkenden Kräfte darzustellen. Auch Regen und andere Wettereffekte wie Schnee glänzen durch Abwesenheit, in diesem Simulator scheint immer die Sonne. Und auch auf einen Fahrplan, der die anzufahrenden Haltestationen samt weiterer nützlicher Informationen wie Ankunfts- und Abfahrtszeiten, einzuhaltende Höchstgeschwindigkeiten etc. zeigt, muss der Spieler verzichten; der Fahrplanhalter im Führerstand des Zuges ist stets leer. Das, aber nicht nur das bekommt z.B. „Running Train“ (siehe meine Review) weitaus besser hin.
Kommen wir nun zum größten Negativpunkt des „JR East Train Simulator“: der „Spielegrafik“. Die schaut zwar, wenn man sich vor dem Kauf nur flüchtig ein paar Screenshots oder einen Trailer anschaut, beeindruckend detailverliebt und real aus. Die Gleisanlagen, Bahnsteige, wartende Fahrgäste, entgegen kommende Züge, die rechts und links vorbeizischenden Gebäude und Landschaften – alles schaut aus, als säße man in einem echten Führerstand und schaute aus dem Fenster. Bedauerlicherweise kommt diese tolle Optik nicht durch außergewöhnliche Skills der Grafikabteilung des Entwickerteams zustande, sondern liegt schlicht und ergreifend an der Tatsache, dass es sich eben nicht, wie beispielsweise in „Train Sim World #“, „Running Trains“ oder auch „SimRail“, um echte Spielegrafik handelt, sondern um ein aus dem Führerstand eines Zuges heraus aufgenommenes Video, das abgespielt wird. Je nach getätigter Eingaben durch den Spieler mal schneller, mal langsamer und an einer Haltestation angekommen wird es einfach komplett angehalten, da auch der Zug stillsteht.
Ok, kann man so machen. Nur bringt ein solches Video anstelle von Spielegrafik diverse Nachteile mit sich. Beginnen wir mit dem naheliegendsten: Das Geschehen auf dem Bildschirm ist wenig interaktiv. Jede Zugfahrt läuft gleich ab, der Spieler fährt immer dieselbe Strecke, zur selben Tageszeit, während das immer selbe Wetter vorherrscht, bekommt an der immer selben Stelle denselben Gegenverkehr zu sehen, abseits der Gleisanlage sieht er an den selben Stellen die immer selben Fahrzeuge und Fußgänger und Radfahrer. Letztgenannte bewegen sich, da es sich um ein mit variabler Geschwindigkeit wiedergegebenes Video handelt, je nach anliegender Geschwindigkeit mal kriechend langsam, mal blitzschnell, was zuweilen recht amüsant anzuschauen sein kann. Ebenfalls lustig sind Menschen an Haltestellen und in der Welt an sich, die, sobald der Zug zum Stillstand gekommen ist, an Ort und Stelle (gern auch auf Rolltreppen, beim Radfahren oder Joggen) plötzlich in Schockstarre verfallen und sich erst dann wieder bewegen, wenn der Zug seine Fahrt fortsetzt. – Das alles ist meiner Meinung nach absolut nicht mehr zeitgemäß und zerstört unheimlich die Immersion!
Gelungen ist indes die Soundkulisse: Alle Zugmodelle klingen wie ihre realen Vorbilder, Schienenübergänge und Weichen sorgen für atmosphärisches Klappern und Rattern, beim Anziehen und Lösen der Bremse ist ein Zischen der jjjHydraulik zu vernehmen. Bei Fahrtbeginn, zwischen einzelnen Stationen sowie vor dem Erreichen der Endhaltestelle sorgen authentische Durchsagen des Zugbegleiters, bzw. solche, die lediglich vom Band kommen, für Japan-Feeling.
Wie im Klassiker „Densha-de-Go!!“ wird jede Fahrt nach ihrem Abschluss nach einer Vielzahl von Kriterien bewertet. Je nachdem, wie angenehm die Fahrt für die Fahrgäste verlief, wie sanft angefahren und gebremst wurde, wie strikt der Spieler sich an Geschwindigkeitsvorgaben sowie Signale gehalten hat und – ganz wichtig – wie pünktlich die einzelnen Haltestationen erreicht und wie präzise die vorgegebene Halteposition am Bahnsteig eingehalten wurden, gibt’s im Rahmen der Endbewertung mehr oder weniger Punkte und eine bessere oder schlechtere Gesamtnote. Diese folgt dem japanischen Schulsystem, das maßgeblich vom US-System beeinflusst wurde, und bewegt sich auf einer Notenskale von S bis E. Die Note „S“ steht dabei für eine Fahrt nahe an der Perfektion, „A“ für eine sehr gute Fahrt, und die Note „E“ für… nun, man kann im Prinzip froh sein, dass niemand zu Schaden gekommen ist. Aufgestellte Highscores und Noten werden für jede einzelne Linie gespeichert, was durchaus motivieren und für einen Wiederspielwert sorgen kann.
Kritisieren möchte ich zudem noch das User-Interface der Sim: Zwar ist dieses zweisprachig gestaltet, allerdings kann nicht eingestellt werden, in welcher der beiden verfügbaren Sprachen Japanisch und Englisch das UI angezeigt werden soll. Stattdessen wird es einfach zweisprachig angezeigt; alle paar Sekunden wechselt die komplette Beschriftung von einer zur anderen Sprache und von lateinischen Buchstaben zu Kanji. – Eine wirklich unverständliche Design-Entscheidung des Entwicklerteams.
Abschließend noch ein Hinweis für alle, die wie ich Linux als ihr Gaming-OS nutzen: Der „JR East Train Simulator“ ist unter Linux nicht spielbar! Soll heißen: Zu Beginn einer neuen Fahrt kommt es, noch bevor ein einziger Meter zurückgelegt wurde, zu Fehlermeldungen, die ein Weiterspielen verhindern.
Fazit
In gewisser Hinsicht handelt es sich beim „JR East Train Simulator“ um nicht weniger als eine glorifizierte Version eines YouTube-Play-Buttons. Denn im Grunde genommen macht der Spieler exakt das: Ein Video starten und durch Beschleunigen und Abbremsen darauf Einfluss nehmen, mit welcher Geschwindigkeit eben dieses Video abgespielt wird. Zum Schluss gibt’s eine Bewertung, die besser ausfällt, je zeitlich präziser bestimmte Kapitelmarker erreicht wurden. Dieses überschaubare Konzept seines „Simulators“ lässt Lizenzgeber JR East sich dann mit stolzen 22,99 Euro bezahlen, – für die Basis-Version mit nur einer einzigen in voller Länge fahrbaren Strecke!
Dumm nur, dass es auf YouTube unzählige Führerstandsmitfahrten sämtlicher Zuglinien von JR East (und anderer Betreiber) anzuschauen gibt – für lau, wohlgemerkt! Erschwerend kommt hinzu, dass die Preisgestaltung dieses Machwerks, insbesondere die der DLCs – von diesen existieren inzwischen einige – hart an… – nein, ich schreibe es lieber nicht, sonst bekomme ich am Ende noch Post.
Es gibt meiner Meinung nach keinen guten Grund, sich diesen seltsamen „Zug-Simulator“ zuzulegen.


