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Review: Assetto Corsa

25. August 2016   •   Review
Assetto Corsa - © 505 Games

Nach einer elendig langen, von gleich mehreren Last-Minute-Verschiebungen geprägten Leidenszeit Wartezeit ist es endlich soweit: „Assetto Corsa“, die Hardcore-Rennsimulation, die PC-Spieler seit Jahren schon in Ekstase versetzt, ist seit heute auch für PlayStation 4 und Xbox One zu haben. In hoher Erwartung, dass mich nichts anderes als schiere Awesomeness erwarten würde, hatte ich mir die PS4-Version vorbestellt, bekam sie witzigerweise einige Tage früher geliefert und nun drehe ich bereits seit einigen Tagen in wechselnden Supersportwagen stoisch meine Runden über Mugello, den Nürburgring und Brands Hatch.

Obwohl der Hype immens war und meine Euphorie im Vorfeld kaum Grenzen gekannt hat, kommt der geneigte Sim-Racer – und somit auch meine Wenigkeit – nicht umhin zu bemerken, dass es an der Konsolenumsetzung von „Assetto Corsa“ leider auch einiges zu bemängeln gibt. Wo die Renn-Simulation zu überzeugen weiß und wo die Sim-Experten von Kunos Simulazioni dringend noch einmal nachbessern, beziehungsweise nachlegen sollten, klärt meine gewohnt ausführliche Spielerezension zur PS4-Version.

Assetto Corsa
2015, Renn-Simulation, PlayStation 4
Kunos Simulazioni / 505 Games
www.AssettoCorsa.net

Spieletrailer

Beschreibung
„Dies ist nicht nur ein Spiel – dies ist ein echter Rennsimulator! Assetto Corsa bringt, in Zusammenarbeit mit den prestigeträchtigsten Automarken, das Rennsimulations-Genre mit purem Fahrrealismus und Präzision in allen Spielaspekten auf das nächste Level.“ – Quelle

Kritik
Gleich zu Beginn sei gesagt: „Assetto Corsa“ ist ein unfertiges Produkt! Sowohl die PC-Fassung als auch jene für die beiden Current-Gen Konsolen PlayStation 4 und Xbox One gleicht in ihrer aktuellen Version 1.7.1 eher einer Rohfassung dessen, was die Macher der unweit der italienischen Hauptstadt Rom beheimateten Softwareschmiede Kunos Simulazioni als große Vision im Hinterkopf haben dürften. Dessen sollte sich jeder Interessent und insbesondere jeder Käufer bewusst sein, bevor er dem Publisher sein hart verdientes Geld in den Rachen wirft.

„Assetto Corsa“ eine superbe Simulation! Natürlich legt der Titel die Latte in Sachen Realismus, Fahrverhalten, Auto- und Strecken-Modellierung ein gutes Stück höher und ist dem großen Konkurrenten „Project CARS“ in nahezu allen Belangen überlegen. Dieser nennt zwar mehr lizensierte Wagen und Strecken sein Eigen, doch in diesem Fall ist weniger oftmals eben mehr! Bei seinem Fuhrpark bietet „Assetto Corsa“ schraubengenauen Realismus. Jede der über 90 lizensierten Rennkarossen, angefangen mit dem in jeder Hinsicht niedlichen Abarth 500, über den pfeilschnellen Mercedes-Benz AMG GT3 bis zum aufgebohrt-rassigen Ferrari 458 Italia, wurde von Kunos ein eigenes Fahrmodell spendiert, welches vollumfänglich auf vom jeweiligen Hersteller zur Verfügung gestellten Daten und Telemetrie basiert – und ein dementsprechend fantastisches, unheimlich authentisches Fahrgefühl bietet. Meiner Meinung bildet „Assetto Corsa“ die Realität des Automobilrennsports so exakt ab wie keine andere mir bekannte Simulation da draußen! Ohne jemals einen Supersportwagen pilotiert zu haben, habe ich bei „Assetto Corsa“ stets den Eindruck: Ja, genau so dürfte sich ein solches Gefährt über die Rennstrecken dieser Welt bewegen und ziemlich genau so dürfte es sich für mich anfühlen!

Dieselbe Liebe zum Detail ist in die Umsetzung der insgesamt 12 lizensierten Rennstrecken (plus Variationen), die in der Verkaufsversion enthalten sind, eingeflossen. Darunter die legendäre Nürburgring Nordschleife in all ihrer Awesomeness, die Formel-1-Kurse Spa-Francorchamps, Imola und Monza sowie mein persönlicher Alltime-Favourite: die Ferrari-Teststrecke in Mugello, auf der einst ein gewisser F1-Rekordweltmeister Michael Schumacher wie besessen seine Runden in den Asphalt brannte. Die exakten Streckenverläufe und Höhenunterschiede wurden von den Machern anhand von modernster Laser-Scanning-Technologie bis auf einen Millimeter genau erfasst (sic!) und anschließend mit viel Herzblut nachmodelliert. Während die Strecken von „pCARS“ lediglich „nach Augenmaß“ nachgebaut wurden, bietet „AC“ seinen Fans the real Deal! Doch damit nicht genug: Von „Assetto Corsa“ wird sogar die Beschaffenheit des Asphalts hinsichtlich Grip-Niveau, auf der Strecke liegendem Reifenabrieb und Beeinflussung durch Tageszeit und das vorherrschende Wetter berücksichtigt und die Auswirkungen entsprechend simuliert, was sich wiederum auf das Fahrverhalten der Rennkarossen auswirkt – schon irgendwie sehr nerdesque, aber eben auch sehr realistisch! „Assetto Corsa“ ist eben eine echte Hardcore-Simulation!

So, genug Werbung gemacht. Kommen wir zu all dem, was dem geneigten Sim-Racer an der PS4-Verkaufsversion von „Assetto Corsa“ Stand jetzt – sprich: nach dem Day-1-Patch – nicht so sehr zusagen dürfte. Und das ist imho leider eine ganze Menge, was meine Vorfreude und die erste Euphorie dann doch ein wenig gen Südpol gedrückt hat.

Wie eingangs erwähnt, macht „Assetto Corsa“ auf mich den Eindruck einer ambitionierten Rohfassung, die erst noch mit Inhalten angereichert werden muss, um irgendwann mal als Verkaufsversion durchzugehen. Das fängt mit den zur Verfügung stehenden Spielmodi an: Der Startbildschirm der Sim ist unterteilt in die Bereiche „Special-Events“, „Fahren“ und „Karriere“. „Special-Events“ sind von den Machern vorgegebene Veranstaltungen, in deren Rahmen bestimmte Ziele erfüllt werden müssen (z.B. bestimmte Endposition erreichen, Zeit unterbieten, Punkterekord aufstellen), um eine von drei möglichen Medaillen – Gold, Silber oder Bronze – abzusahnen. Warum genau ich mich damit beschäftigen sollte, erschließt sich mir jedoch nicht. Die errungenen (oder besser gesagt erfahrenen) Medaillen bringen keinerlei Vorteile, es wird nichts freigeschaltet oder sonst was. Alles in allem ein vernachlässigbarer Modus, der wohl vor allem Abwechslungsreichtum suggerieren soll.
Der zweite in meinen Augen lediglich bedingt interessante Spielmodus ist die Karriere. Hier beginnt man mit der vorhin erwähnten „Einsteiger-Rennsemmel“ Abarth 500 und arbeitet sich peu á peu in Richtung Formel-Klassen hoch. Die Freischaltung neuer Rennserien und Aktivitäten ist dabei ebenfalls an das Erreichen bestimmter Ziele gekoppelt. Das alles ist genau so dröge wie es sich liest. Alles in allem kein Vergleich zu dem in der Hinsicht zweifelsohne weit überlegenen, weil immens viel komplexeren Karrieremodus von „Project CARS“. – Insofern sei festgehalten: Auch dieser Modus interessiert mich lediglich peripher!

Zu guter Letzt wäre dann da noch der Menüpunkt „Fahren“ zu erwähnen, – und hinter eben diesem verbergen sich Gott sei dank endlich die von mir am häufigsten genutzten Modi. Als da wären „Training“, „Schnelles Rennen“, „Komplettes Rennwochenende“, „Hotlap“, „Zeitfahren“, „Drift“ und „Online“. Beim Durchtesten eines der einzelnen Spielmodi bemerkt man allerdings recht schnell, dass die Macher auch hier darauf bedacht sind zu blenden: Grundsätzlich handelt es sich bei „Training“, „Hotlap“ und „Zeitfahren“ nämlich um ein und den selben Modus, in dem man an der Abstimmung seines Rennboliden feilt und möglichst neue Strecken-Bestzeiten in den Asphalt brennt. Den genauen Unterschied zwischen „Hotlap“ und „Zeitfahren“ erschließt sich mir dabei nicht so ganz. In beiden Modi geschieht exakt dasselbe, nur dass man für „Hotlaps“ in der Endabrechnung sinnlose Punkte gutgeschrieben bekommt, die wiederum allerdings keinerlei sichtbaren Nutzen haben.

Ein für mich als ausgewiesenen TimeTrial-Fetischisten absoluter Dealbreaker ist die Tatsache, dass es in der Konsolenversion von „Assetto Corsa“ Stand jetzt (Version 1.7.1) keinerlei Leaderboards gibt. Ja, richtig gelesen: Im „Zeitfahren“ und „Hotlaps“-Modus aufgestellte Bestzeiten und -Leistungen werden aktuell nicht gespeichert. Nein, nicht einmal lokal auf der Konsole! Weder kann ich meine eigenen Streckenrekorde nachvollziehen, noch die meiner Freunde und Bekannten abrufen, um beispielsweise gegen ihren Ghost anzutreten. Auch ein globales Leaderboard, beispielsweise mit einer Top-100 für eine jede Strecke, sucht man vergebens! Ich frage mich: Wie kann das sein? Wurde dieses „Feature“, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, tatsächlich übersehen? Wird es zeitnah nachgereicht? Muss ich mir meine persönlichen Rekorde im Jahr 2016 a.D. wirklich mit Bleistift und Papier aufschreiben?!

Oh, und aus welchem Grund ist es eigentlich nicht möglich, in den Einstellungen die Tastenbelegung meines DualShock 4-Controllers, bzw. meines angeschlossenen Thrustmaster T500 auf meine individuellen Bedürfnisse zu konfigurieren? Dort stehen lediglich drei vorgegebene Pre-Sets zur Auswahl, eine eigene Umbelegung ist hingegen nicht möglich. Wieso ist das so? Und ganz wichtig: Wie lange noch?

Und noch so ein gänzlich unverständlicher Negativpunkt: Im Onlinemodus der Konsolenversion glänzen Custom-Lobbies durch Abwesenheit. Mit anderen Worten: Professionelles League-Racing ist derzeit quasi nicht möglich. Unfassbar! Private Lobbies nachzureichen sollte auf der Prioritätenliste der Entwickler gaaaaaanz weit oben stehen, ansonsten sehe ich Schwarz. Der entsprechende Thread im offiziellen Entwicklerforum spricht indes ganze Trilogien…

Die Grafikengine von „Assetto Corsa“ leidet auf beiden Konsolen, sowohl auf der Xbox One als auch auf PlayStation 4, unter extremem Screen Tearing. Ja, das Problem haben zahlreiche andere Rennspiele ebenfalls, unter anderem „Project CARS“, „DriveClub“ (siehe meine Review) und „Need For Speed“ (siehe meine Review), doch bei keinem der genannten Konkurreztitel habe ich es als so dermaßen störend, da extrem auffällig und nicht leicht zu übersehen empfunden!
Mag vielleicht daran liegen, dass die restliche Optik von „AC“ – zumindest auf der PS4 – sehr, sehr ansprechend ausgefallen ist und dementsprechend zu überzeugen weiß. Die Sim läuft in 1080p-Qualität bei absolut flüssigen 60 FPS. Lediglich während meiner Runden über die alt-ehrwürdige Nordschleife habe ich hier und da kleinere Framerate-Einbrüche festgestellt, über die man jedoch hinwegsehen kann. Ansonsten ist der Titel grafisch schon ein ziemliches Brett, kommt bis auf ganz wenige Stellen ohne störende Objekt-Popups aus und weiß mit scharfen, hoch aufgelösten Texturen zu begeistern. Ach ja, in die auf einem wahrlich superben Level ausmodellierten, mit einem wahnsinnigen Detailreichtum versehenen Wagenmodelle kann man sich als Petrolhead eigentlich nur verlieben!

Was ich bis dato von den Fahrkünsten der maximal 15 KI-Kontrahenten mitbekommen habe, war solide. Nicht mehr und nicht weniger. „Assetto Corsa“ ist als waschechte Simulation jedoch zweifelsohne darauf ausgelegt, dass Spieler sich online mit menschlichen Kontrahenten messen. Dumm nur, dass eben dies mangels entsprechender Custom-Lobbies auf einem ansprechenden Niveau (soll heißen: zusammen mit gleichgesinnten Pro-Racern, ohne Crash-Kiddies) nicht oder nur äußerst umständlich möglich ist.

Fun Fact am Rande: Jepp, auch auf der Konsole kann „Assetto Corsa“ während der Rennen mit komplett animierten Boxenstopps aufwarten. Bekanntlich bekommt manch anderes Entwicklerteam *hust* Slightly Mad Studios *hust* dies auch anderthalb Jahre nach dem Release seiner Sim noch immer nicht geschissen!

Fazit
Alles in allem bleibt Stand jetzt festzuhalten: „Assetto Corsa“ ist eine großartige, schraubengenaue Simulation des Motorsports. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt sofort nach dem Einsteigen und Einlegen des ersten Gangs so dermaßen viel Spaß mit einer Hardcore-Sim hatte. Die Fahrphysik, die Umsetzung der einzelnen ikonischen Rennstrecken sowie Sport- und Rennwagen, als auch die Grafik und Soundkulisse – das alles ist den Jungs und Mädels von Kunos Simulazioni herausragend gut gelungen! Angesichts dessen sind das Fehlen von rudimentären Features wie Bestenlisten, Online-Custom-Lobbies und einiger Komfort-Funktionen schon fast unerklärliche Versäumnisse. Ein Team, das nach eigenem Anspruch nach nichts Geringerem als Perfektion strebt, darf sich so etwas eigentlich nicht erlauben!

Ich bin sehr gespannt, wie „Assetto Corsa“ sich in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren weiterentwickeln wird, – sowohl auf dem good ol‘ PC als auch auf Konsole!

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