Fast auf den Tag genau vor 12 Jahren habe ich hier im Blog eine kurze Review zu „OMSI 2“, einem sehr realistischen Bus-Simulator veröffentlicht und diese eingeleitet mit: Welcher kleine Junge träumt nicht insgeheim davon, später einmal im öffentlichen Nahverkehr Dienst zu tun, sich von seinen Fahrgästen anschnauzen und zudem noch schlecht bezahlen zu lassen? Oder so ähnlich.
Auf jeden Fall kann ich nun im Jahr 2026 darauf antworten: Schon so einige! Nichtsdestotrotz übt das Thema öffentlicher Nahverkehr nach wie vor eine gewisse Faszination auf mich aus. Und so habe ich mir in den vergangenen Jahren so manchen Zug-Simulator von Dovetail Games ins virtuelle Regal gestellt und mir sogar das merkwürdige Endlos-Projekt „LOTUS“ zugelegt, – auch wenn ich mich nach inzwischen gut und gerne einem Jahrzehnt ernsthaft frage, ob es denn da irgendwann nochmal signifikant voran geht mit der Entwicklung?!
Aber eigentlich ist mir „LOTUS“ inzwischen relativ egal, denn: Nun gibt es schließlich „Running Train“! Bei „Running Train“ handelt es sich um einen realistischen Simulator des beschienten Nahverkehrs im Land der aufgehenden Sonne. Hinter dem, wie ich finde, extrem interessanten Projekt steckt ein einzelner japanischer Solo-Entwickler, was das bisher Erreichte gleich noch um einiges bemerkenswerter macht. Der Simulator ist seit gestern auf Steam im Early-Access und schlägt dort mit gerade einmal 17,50 Euro zu Buche.
Im Rahmen der nachfolgenden Review nehme ich unter die Lupe, was „Running Train“ schon jetzt in der Version 0.9.1 zu bieten hat, welche Inhalte und Features in Zukunft noch folgen sollen und ob es sich bereits jetzt lohnt, Zeit und Geld in den Titel zu investieren.
Review
Im Hauptmenü von „Running Train“ (siehe Screenshot unten) geht es zum Start der Early-Access-Phase noch aufgeräumt-sporadisch zu: „Start Driving“ startet eine neue Verbindung, ein wirkliches „Tutorial“ gibt es noch nicht, auch wenn ein gleichnamiger Menüpunkt existiert, unter „Edit Train“ wird wohl irgendwann einmal ein in die Simulation implementierter Editor auftauchen, mit dessen Hilfe die Skins der Züge nach eigenem Gusto verändert und beispielsweise den eben erwähnten Unternehmen nachempfunden werden können. Aktuell befindet sich dort lediglich ein Hinweis auf den exakten Speicherplatz eben dieser Zug-Skins. Wer also mit einem eigenen Skin herumfahren möchte, sollte eben diesen aufsuchen und im Grafikprogramm seiner Wahl öffnen und bearbeiten. Der Menüpunkt „Credits“ ist selbsterklärend und per Klick auf „Exit Game“ landet man binnen Sekundenschnelle wieder auf dem Desktop seines Betriebssystems.
Wer mag, kann die Sprache des Spiels auch auf Japanisch umstellen, um sich die absolut authentische Experience zu geben. 😉 Ansonsten steht nur Englisch als Sprache zur Auswahl, weitere sollen jedoch im Rahmen künftiger Updates nach und nach ergänzt werden.
Apropos Betriebssystem: Wichtig zu erwähnen finde ich als CachyOS-User, dass „Running Train“ auch unter Linux läuft – und zwar perfekt und ohne irgendwelche Einschränkungen: Keine Nachladeruckler, keine unschönen Freezes, keine Grafikfehler, wie man sie bei dem ein oder anderen nicht nativ laufenden PC-Spiel nach wie vor vorfindet. „Running Train“ wurde wirklich sehr gut optimiert!
Was das verfügbare Fahrmaterial anbelangt, kann die Sim mit insgesamt drei unterschiedlichen japanischen Nahverkehrszügen aufwarten. Namentlich sind das die Modelle „HR 1100“, „HR 1500“ und „DC 8500“, jeweils in einer zwei-, drei-, vier oder sechsteiligen Konfiguration. Diese lehnen sich zwar optisch und ihr charakteristisches Fahrverhalten betreffend an real existierende Vorbilder an, wurden jedoch vom verantwortlichen Ein-Mann-Entwicklerstudio Novatetsu Games nicht offiziell lizensiert. Man darf also nicht erwarten, in „Running Train“ Züge von JR East, JR West, der Tokyo Metro oder anderen echten japanischen Nahverkehr-Transportunternehmen vorzufinden, obgleich insbesondere die beiden Modelle „HR 1100“ und „HR 1500“ älteren Zügen der Tokyoter Ringlinien schon recht ähnlich sehen.
Dank der oben erwähnten Möglichkeit, eigene Zug-Skins in die Sim importieren zu können, und dem für einen späteren Entwicklungszeitpunkt in Aussicht gestellten Editor lassen sich die fehlenden Lizenzen jedoch ganz gut verkraften.
Die Early-Access-Version des Simulators kommt mit insgesamt zwei Fahrtstrecken: Die „Fukugawa Line“ verkehrt zwischen den Endhaltestellen Ise und Takahashi, während die „Sankai Main Line“ zwischen Kanamori und Nagara hin und her pendelt. Wie schon die Züge sind auch die Strecken rein fiktiver Natur. Sie lassen sich jeweils in beide Richtungen bedienen, entweder als Normal- oder Limited-Express-Verbindung. Der Unterschied zwischen den beiden Verbindungsarten: Während Züge der Normalverbindung an sämtlichen Haltestationen der Strecke Halt machen, fahren Limited-Express-Züge auch mal an zwei oder drei aufeinanderfolgenden Stationen durch und lassen einige Streckenabschnitte ganz aus. Die kürzeste Fahrt ist in etwa 6 Minuten zu absolvieren, für die längste muss man sich eine knappe Dreiviertelstunde Zeit nehmen.
Beide Strecken können wahlweise tagsüber oder nachts, im Sommer oder Winter, bei sonnigem oder, bewölktem Himmel, Regen und sogar stürmischem Wetter angegangen werden. Die eingestellte Tageszeit und Witterung wirkt sich durchaus auf die Simulationserlebnis aus: Nachts ist die Sichtbarkeit mancher Signale und einiger Markierungen und Hinweisschilder eingeschränkt, bei Regen und im Winter drehen die Antriebsräder bei zu starker Beschleunigung gerne mal durch und der Bremsweg verlängert sich, da die Effektivität der diversen im Spiel simulierten Bremssysteme nachlässt.
Wie auf den Screenshots der Fahrtstreckenauswahl oben zu sehen ist, wird mit immer weiter voranschreitender Entwicklung wohl noch die ein oder andere Fahrtstrecke nachgereicht werden, – ob nun in Form eines kostenlosen Updates oder als kostenpflichtiges DLC sei einmal dahingestellt. Der Entwickler Novatetsu Games hat jedenfalls im Rahmen eines anlässlich des Starts der Early-Access-Phase auf Steam veröffentlichten Q&A-Posts schon mal über die Möglichkeit zukünftiger DLCs nachgedacht.
„Running Train“ kann wahlweise mit Maus und Tastatur oder einem Videospiel-Controller wie dem Sony DualSense oder Microslops populärem Xbox-Controller gesteuert werden. Wer es authentisch mag: Auch spezielle Eingabegeräte für Eisenbahn-Fans werden von dem Simulator unterstützt! So bietet der Titel nativen Support für das „Zuiki Mascon“ und „Zuiki Mascon Pro“ (eingeschränkt), sowie für den „Densha de GO! Two-Handle Controller“.
Was mich ein wenig stört: Es ist nicht möglich, den Führerstand seines Zuges zu verlassen, bzw. sich überhaupt in der Welt zu bewegen. Anders als etwa im Genreprimus „Train Sim World“ ist es in „Running Train“ nicht möglich, sich etwa vor Fahrtbeginn auf dem Bahnsteig umzuschauen, während – zugegebenermaßen sehr selten vorkommender – längerer Aufenthalte die Beine zu vertreten oder nach hinten in den Zug durchzugehen, um beispielsweise Defekte an nicht schließenden Türen zu beheben. Stattdessen bleibt man von Anfang bis Ende in der kleinen, engen Kabine. Lediglich die horizontale und vertikale Ausrichtung der Kamera lässt sich einstellen, – allerdings wird die Position nicht gespeichert, so dass diese Feinjustierung bei jeder Fahrt aufs Neue vorgenommen werden muss.
Ein weiterer Unterschied zu „TSW“: Die Bedienelemente im Führerstand, der Gashebel, Bremshebel, Richtungswähler, die einzelnen Knöpfe für Licht, Scheibenwischer, Horn usw. lassen sich nicht mit der Maus bedienen; zumindest ist dies im aktuellen Entwicklungszustand der Sim nicht möglich. Der Nager ist einzig und allein zum Umschauen und zum Einstellen der Cockpit-Kamera da. Bedient werden die Züge in „Running Train“ per Tastendruck auf der PC-Tastatur, bzw. über die diversen Joysticks, Trigger und Buttons des Controllers. Die Steuerung geht sowohl mit Tastatur als auch mit Controller gut von der Hand. Sonderlich komplex ist sie sowieso nicht.
Ungleich komplexer ist da schon der eigentliche Ablauf der Simulation: Es gilt, jede Strecke von der ersten bis zur letzten Station unter Beachtung der Signale und Einhaltung der auf den einzelnen Streckenabschnitten vorgegebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen zu absolvieren. Dabei sollte eine Station weder zu früh, noch zu spät erreicht werden. Auch ein Überschießen oder zu verfrühtes Anhalten am Bahnsteig fließt durch Punktabzug negativ in die Abschlusswertung der Fahrt ein.
Ja, richtig gelesen: Wie etwa im kultigen PlayStation-Klassiker „Densha de Go!“ wird jede unternommene Fahrt genauestens analysiert und ausgewertet. So werden etwa Punkte für Pünktlichkeit, präzises Anhalten im vorgegebenen Abschnitt des Bahnsteigs, sowie das Beachten von Signalen und Geschwindigkeitsbegrenzungen vergeben. Zum Schluss gibt’s dann eine Endnote aus dem Spektrum A bis E, wobei die Note A für „Sehr gut!“ und die Note E für „Grottig!“ steht. Dies motiviert dazu, bereits absolvierte Fahrtstrecken von Zeit zu Zeit erneut in Angriff zu nehmen, um Highscore und Endnote zu verbessern.
„Running Train“ basiert auf der Unreal Engine 5 – und das sticht auch sofort ins Auge: Hoch-detaillierte Zug- und Umgebungs-Modelle, wahnsinnig schön anzusehende Landschaften, kleine Ortschaften und Teile größerer Städte, durch die die einzelnen Fahrtstrecken führen. Ganz viele kleine und große Details. Überhaupt versprüht das alles ganz, ganz viel Japan-Flair. Die Auflösung der Texturen ist dabei durch die Bank hoch, dynamische Spiegelungen und Schatten, Effekte wie blendendes Sonnenlicht bei tiefstehender Sonne, sowie Wettereffekte wie Regen und Schnee sind teils spektakulär anzusehen. Insbesondere, wenn in den Grafikeinstellungen die Option „Dynamic Global Illumination“ auf „Nanite High“ oder „Nanite Ultra“ gestellt wird schaut diese Zug-Sim wirklich herausragend superb aus! – Und bitte nicht vergessen: Hinter „Running Train“ steckt ein Solo-Dev!
Kleine Anekdote am Rande: Als ich „Running Train“ das erste Mal auf Steam gesehen habe, dachte ich, es wäre eine weitere dieser merkwürdigen JR-East-Zug-Simulatoren, bei denen man einfach ein Video einer echten Zugfahrt, etwa der berühmten Yamanote-Line, vorgesetzt bekommt, dessen Wiedergabegeschwindigkeit je nach getätigter Eingabe erhöht oder verringert wird. Hochklassige „Sims“, wirklich… 😀
Doch, bei all dem Licht gibt es leider auch vereinzelt Schatten: Die Welt, so ansehnlich sie grundsätzlich auch sein mag, wirkt verlassen und menschenleer. Außer ein paar auf den Straßen herumfahrenden Autos gibt es nichts, was daran erinnert, dass der Inselstaat Japan mit seinen fast 120 Millionen Menschen eines der am dichtbesiedeltsten Länder der Erde ist. Es fehlen ganz eindeutig: Fußgänger, Radfahrer, Menschen an Ampeln, auf Spielplätzen, in Treppenhäusern, Hauseingängen und Hinterhöfen – und ganz wichtig: wartende Menschen auf Bahnsteigen und Fahrgäste im Zug, denn auch dieser ist von jeder Menschenseele verlassen!
Wiederum sehr gelungen ist die Soundkulisse: Ich nehme stark an, es handelt sich um Aufnahmen, die der Entwickler während echter Zugfahrten gesammelt hat. Jedenfalls klingt das Surren der Elektro- und das dumpfe Dröhnen der Dieselmotoren verdammt real! Selbes gilt für das typische Rattern beim Passieren eines Gleisverbindungspunkts. Mit einem der nächsten Updates könnten noch Sounds für das Überfahren von Weichen und (zu) schnell genommene Kurven ergänzt werden. Leider gibt es keine Bahnsteig-Durchsagen, die nochmal für einen Ticken mehr Flair und Authentizität gesorgt hätten.
Für die kommenden Monate hat Novatetsu Games einige Updates und neue Features in Aussicht gestellt: Noch in 2026 sollen ein Passagier-System in die Sim integtriert und überdies die Möglichkeit geschaffen werden, eine Fahrt auch aus der Sicht eines Fahrgastes heraus antzreten zu können. Zudem soll der Titel in weitere Sprachen übersetzt werden, fest eingeplant sind Stand jetzt Chinesisch und Deutsch. Voraussichtlich erst 2027 wird die Sankai Main Line bis zur neuen Endhaltestelle Hayase, und die Fukugawa Line bis Tenryoko erweitert. Das gesamte befahrbare Streckennetz soll dadurch eine Gesamtlänge von rund 100 Kilometern erreichen.
Fazit
Die vom Solo-Dev-Studio Novatetsu Games entwickelte Zug-Simulation „Running Train“ überzeugt durch ihre wunderbar zugängliche, wie faszinierende Umsetzung des japanischen Schienennahverkehrs. Auf zwei abwechslungsreichen Fahrtstrecken kann sich mit drei für Japan typischen Nahverkehrszug-Modellen nach Herzenslust ausgetobt werden. Ein motivierendes Highscore-System schafft zudem Wiederspielwert. Das zugrundeliegende Grafikgerüst ist dank der Power der Unreal Engine 5 mehr als grundsolide, die erzielte Optik im Genre unübertroffen detailliert und authentisch.
Kritikwürdig sind die menschenleere Welt, fehlende Fahrgäste auf Bahnsteigen und im Zug, sowie hier und da vereinzelte Bugs, die es irgendwie in die Early-Access-Version geschafft haben. Und ja, auch am gebotenen Umfang sollte (und wird) sich noch etwas tun.
„Running Train“ ist schon jetzt herausragender Simulator mit ganz viel Potenzial für die Zukunft, der mir persönlich besser gefällt als der x-te „Train Sim World“-Aufguss!
Positivrealistisches Fahrverhalten der Zügeknackig-straffe Fahrpläne detaillierte Grafik lässt Japan-Flair aufkommen gute Soundkulisse eingängige Zugsteuerung läuft unter Linux | Negativderzeit nur zwei fahrbare Zug-Linienmenschenleere Welt (keine Fahrgäste, Fußgänger, etc.) Cockpit kann nicht verlassen werden |





