Kurze Frage, weil mich das Thema aktuell echt beschäftigt: Ist jemand von euch schon mal auf YouTube über einen dieser „Japanese Salaryman“-Channels gestolpert?
Deren Videos zeichnen ein ganz anderes Bild Japans als jenes wohlgepflegte, das üblicherweise durch die westlichen Medien und insbesondere Social-Media geht, – ein deutlich negativeres. Da ich seit jeher ausgesprochen japanophil unterwegs bin und einige Channels, deren Creators in Japan wohnhaft sind, abonniert habe, werden mir die ganzen Salaryman und -women seit längerem in schöner Regelmäßigkeit in die Empfehlungen auf der YouTube-Frontpage gespült.
Besagte YouTube-Channels hören auf Namen wie:
- „Salaryman Tokyo“
- „Broke in Japan“
- „Yuki’s Tokyo Overtime“
- „Ko Japanese Salaryman“
- „Tokyo Worker“
- „A Hopeless Salaryman in Tokyo“
- „Hinano san“
- „Taka Japanese Salaryman“
- „Tiny Tokyo“
- „Me: Japanese Salaryman“
Jeder einzelne von ihnen zeichnet, in der Regel in Form von viertelstündigen Videotagebüchern, sogenannten „Vlogs“, ein überaus negatives Bild eines Landes, das normalerweise darauf bedacht ist, eben nicht in negativer Hinsicht von sich reden zu machen, sich stattdessen als strahlendes Vorbild für die Welt, als gleichermaßen fortschrittlich wie traditionsbewusst und lebenswert darzustellen. Zu sehen sind Männer und Frauen auf dem stressigen Weg zur Arbeit oder auf dem Rückweg nach Hause – natürlich nachdem wieder einmal (unbezahlte) Überstunden geleistet werden mussten -, in ihrer (kleinen) Wohnung bei der Erledigung des Haushalts, beim Kochen zuhause oder Essen auswärts im Restaurant, auf Shopping-Tour auf einer der Einkaufsmeilen der Stadt oder während Ausflügen rund um ihren eigentlichen Lebensmittelpunkt, welcher meist in den bekannten japanischen Metropolregionen Tokyo, Osaka, Hiroshima oder Fukuoka angesiedelt ist. Sie alle lassen immer wieder mehr oder minder offensichtlich durchblicken, in keiner festen Beziehung, ohne Freunde, dafür jedoch chronisch überarbeitet, gestresst und last but not least äußerst knapp bei Kasse zu sein, was, wie ich eingangs geschrieben habe, eigentlich der japanischen Mentalität, sich tunlichst nicht in einer solchen Art und Weise zu inszenieren und öffentlich zur Schau zu stellen, fundamental widerspricht.
Auffällig finde ich auch, dass sich über sämtliche verlinkten „Salaryman“-Channels hinweg die Struktur der Videos ähnelt und sich bestimmte Ideen oft wiederholen, wie beispielsweise das ausführliche Vorzählen des angeblichen Lohns am Payday plus dem abschließenden Hinweis, dass gerade einmal umgerechnet knapp 20 Euro übrig bleiben, die dann ins Sparschwein (beziehungsweise aufs Sparkonto) wandern oder für eine dringend benötigte Anschaffung drauf gehen. Weit verbreitet sind darüber hinaus – ich nehme an – mittels KI generierte Video-Thumbnails, auf denen stets mehr oder weniger bedrückt dreinschauende Figuren im Manga-Stil zu sehen sind, sowie oft wiederkehrende Formulierungen in den – natürlich – englischsprachigen Untertiteln, die sich zudem nicht selten ein wenig „sperrig“ lesen, ganz so als wären sie ebenfalls von einer KI generiert worden.
Diese Art der Inszenierung, das demonstrative zur Schau stellen von Armut und der miserablen Lage, in der sich die Betreiber der diversen „Salaryman“ YouTube-Channels angeblich befinden, wird in der Medienanalyse als „Misery-P0rn“ bezeichnet. Der Gedanke hinter dieser Art von Inhalten ist, beim Konsumenten Mitleid zu erzeugen. Und so verwundert es nicht, dass die meisten Channels ihren Viewern und Subscribern eine oder gleich mehrere Möglichkeiten anbieten, den Creator finanziell zu unterstützen.
Was ich mich frage: Sind die oben verlinkten „Japanese Salaryman“-Channels, und die vielen, vielen weiteren gleicher Machart, die es seit einiger Zeit auf YouTube und anderen Plattformen gibt, wirklich authentisch? Sind das „echte Menschen“, die dort Videos ihres (Arbeits-)Alltags hochladen und ihre Situation beklagen? Sind es Erwerbslose, die lediglich so tun als ob, um von den nicht unerheblichen YouTube-Einnahmen, die sie mit ihren Videos generieren, zu profitieren? Steckt da am Ende ein koordinierendes Netzwerk hinter, das – insbesondere internationalen Viewern – das gibt, was sie sehen wollen? Sind die Videos vielleicht sogar Propaganda einer Partei oder eventuell sogar eines anderen Staates, die sich gezielt gegen Japan richtet?
Was hat es mit dem „Japanese Salaryman“-Phänomen auf sich?
Update, 22. März 2026
Ich bin scheinbar nicht der einzige, der sich Gedanken macht um die wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden schießenden Salaryman-Channels auf YouTube. Die Konklusion: Nicht alle, aber viele der Channels sind wohl fake; sie dienen rein der Abzocke ihrer Viewer.