IM     Twitter     Instagram     Tumblr     YouTube     Twitch

InaiMathi Blog

Wir nennen es Politik

Wir nennen es Politik - © Klett-Cotta / Tropen

Deutschland im März 2013: Die Bundestagswahl rückt mit großen Schritten näher, Kanzlerin Angela Merkel sitzt angesichts ihres blassen SPD-Herausforderers auch weiterhin fest im Sattel, die FDP kämpfen nach wie vor mit dem Wiedereinzug in den Bundestag (vor allem jedoch mit sich selbst) und die Piraten, die einstigen Shooting-Stars der deutschen Politikszene sind von ihren Glanzzeiten, in denen sie laut Umfragen bei der Wahl mit über 10 Prozent der Stimmen rechnen konnten, inzwischen meilenweit entfernt, was auch auf die nach außen getragene chronische Zerstrittenheit innerhalb der Partei, sowie auf den offensichtlichen Mangel an echten Themen, welche die Menschen abseits des Internet bewegen, zurückzuführen sein könnte.

Was liegt da für Marina Weisband, ihres Zeichens ehemalige Politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Deutschland und noch immer höchst engagierte Freibeuterin, näher, als sich unter die schreibende Zunft zu mischen und frei von der Leber weg für die Piratenpartei und das, wofür sie steht, zu trommeln? – Richtig, nicht viel. Immerhin verhilft es der in letzter Zeit merklich an einem Aufmerksamkeitsdefizit leidenden Partei mal wieder zu ein wenig medialer Präsenz. Zum anderen freut sich mit Sicherheit das Girokonto. Die Idee zu „Wir nennen es Politik“ war geboren – fehlten nur noch die Inhalte.

Ich bin vor einigen Wochen bei der Durchsicht des Verlagsprogramms von Klett-Cotta auf Weisbands erstes Buch aufmerksam geworden und als politisch interessierter Mensch, der ich bin, war ich natürlich gespannt auf ihre Ausführungen und „Ideen für eine zeitgemäße Demokratie“.

Wir nennen es Politik
von Marina Weisband
2013, Sachbuch, 172 Seiten
Klett-Cotta Verlag / Tropen

Die Autorin
Marina Weisband, geb. 1987 in Kiev, lebt in Münster und studiert dort seit 2006 Psychologie. Von Mai 2011 bis April 2012 war sie politische Geschäftsführerin und Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschlands. Weisbands erstes Buch, „Wir nennen es Politik – Ideen für eine zeitgemäße Demokratie“, erschien im März 2013 im Klett-Cotta Verlag / Tropen.

Marina Weisband zu Gast bei Roche & Böhmermann

Inhalt
„Alte Männer in grauen Anzügen sitzen in Hinterzimmern und reden über Dinge, von denen sie insgeheim oft überfordert sind. Sie treffen Entscheidungen, die denen nützen, deren Einfluss am größten ist. Das ist Demokratie in Deutschland 2012. Marina Weisband zeigt, dass es auch anders gehen kann: verständlich, ehrlich, menschlich und direkt.“ – Quelle

Der erste Satz

„Nehmen Sie dieses Buch nicht zu ernst.“

Kritik
Ich bin kein Wähler der Piratenpartei. Daran hat auch die Lektüre von Marina Weisbands, passenderweise im Wahljahr 2013 und somit zu einem strategisch günstigen Zeitpunkt, während die Piraten auf Bundesebene um die 2-Prozent-Hürde kämpfen veröffentlichten Buch „Wir nennen es Politik – Ideen für eine zeitgemäßere Demokratie“ nicht viel ändern können. Außer, dass es mir eines der nach wie vor schillerndsten Gesichter der jungen Partei ein wenig näher bringen konnte und mir ihre politische Sicht der Dinge verdeutlicht hat.

Marina Weisband schreibt in ihrem Erstlingswerk auf etwas über 170 Seiten – einhundertdreiunsiebzig sind es, um genau zu sein – über zahlreiche Dinge, die in unserem Land und insbesondere in der politischen Kultur unseres Landes im Argen liegen und darüber, wie sie Deutschland in eine bessere, gerechtere Zukunft geleiten würde, wenn, ja, wenn bloß genügend Wahlvieh den Piraten beim Urnengang im kommenden September ihr Vertrauen schenken würde. Über die Grundlagen der Politik, woher wir kommen, vom ätzenden Status quo, den so viele Menschen, wären sie imstande dies zu tun, gerne ändern würden, wie sie aktiv werden und Gehör finden können, und zu guter letzt wohin sich unsere Gesellschaft nach aktuellem Stand in den kommenden Jahren und Jahrzehnten bewegt. Sie beweist Weitsicht und formuliert wie von ihr gewohnt sachlich-eloquent, stets auf Augenhöhe mit dem Bürger und auch für all jene Leser verständlich zu Papier gebracht, die nun nicht en detail mit dem weit gefassten Feld der Politik vertraut sind. Letzten Punkt halte ich persönlich jedoch für dezent kontra-produktiv, dazu später mehr.

Und dann kommt auch noch Churchill in meinen Kopf und behauptet, das größte Argument gegen Demokratie sei ein fünfminütiges Gespräch mit dem durchschnittlichen Wähler.

Spätestens mit dem zweiten Kapitel, „Kurz aus dem Leben“, beginnt es unüberlesbar zu menscheln: Der Abschnitt soll wohl als so eine Art Kurz-Biografie der Autorin dienen: Sie schreibt über ihre Kindheit in der damaligen Sowjetunion, die Migration ihrer Familie nach Deutschland, ihre Jugend und ihren Aufstieg zur Politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei, einen Posten, den sie mittlerweile wie der durchschnittlich politisch interessierte Leser sicherlich wissen dürfte, nicht mehr bekleidet. Wegen dem vielen Stress, wie sie einmal zu Protokoll gab.
Der erwähnte Abschnitt enthüllt neben all den erwähnten Schicksalsschlägen allerdings auch, dass Frau Weisband im Grunde, wenn man einmal ganz ehrlich ist, in ihrem Leben bis dato noch nicht allzu viel erlebt hat: Würden andere Politiker solch „einschneidende“ Stationen wie Grundschule, Umzug, Abi und ein seit Jahren andauerndes Psychologie-Studium in ihrer Vita herausstellen, würde man ihnen dies um die Ohren hauen, anschließend schallend auslachen und sicherlich noch beim Wegwischen der Lachtränen nahelegen, da noch einmal drüber zu gehen.

Ob sich der geneigte Leser nun von den von Frau Weisband vertretenen Positionen adäquat repräsentiert sieht oder nicht, und in wie weit das, was sie sich auf die Fahnen geschrieben hat, auch umgesetzt werden kann, sie nun einmal dahingestellt. Die Ansätze sind definitiv gut und einige sogar durchaus lobenswert. Doch an einigen Stellen im Buch drängte sich mir der Eindruck auf, ich hätte es mit der „heiligen Schrift“ einer gleichermaßen schonungslos idealistischen wie naiven Weltverbessererin zu tun, deren Forderungen nach einer besseren, lebenswerteren Bundesrepublik zwar auf der einen Seite schon fast visionär klingen, allerdings im von ihr angedachten Umfang nie im Leben realisiert werden können, da durch und durch utopisch. Selbst in hundert Jahren nicht, ihr flammender Idealismus in allen Ehren! Aber wie heißt es doch so schön: Größe Köpfe lassen sich von den Reglementierungen der Gegenwart nicht einengen! Außerdem schreibt sie gleich zu Beginn augenzwinkernd: „Nehmen Sie dieses Buch nicht zu ernst. Es ist von einer 24-jährigen Studentin geschrieben, also was kann man davon erwarten?“

Gleich zweimal lesen und jetzt, im Nachhinein, auch ein wenig schmunzeln musste ich bei jenen Passagen, deren Grundaussage lauteten, in der Piratenpartei wäre, insbesondere in der flippigen Anfangszeit, damals, als die Piraten in unser aller Wahrnehmung noch cool waren, den lieben langen Tag fröhlich geraucht und gesoffen worden, anstatt sich triftige Gedanken über einen politischen Kurs zu machen, der über pauschale Web-lastige Forderungen hinaus geht, womit sie quasi all jene Vorurteile bestätigt hat, welche von der bösen Öffentlichkeit und insbesondere dem politischen Gegner so gerne gegenüber den Piraten angeführt werden. Kann man ihr vorwerfen oder nicht: Weisband schreibt stets ganz unverblümt und nimmt dabei kaum ein Blatt vor den Mund. – Das wiederum liest sich in der Regel sehr angenehm, da gefühlt authentisch. Die Frage ist nur, in wie weit man einen Menschen politisch ernst nehmen kann, der angibt, bei den Piraten die „Party ihres Lebens“ gehabt zu haben. Ist ein solches Gebaren wirklich noch seriös?

Was sich hingegen eher unrund liest, sind ihre zahlreichen pseudo-kreativen Beispiele für politische Zusammenhänge, die sie in ihren Text hat einfließen lassen, mit denen sie die in der Regel komplizierten Zusammenhänge in der Politik begreifbar machen will. Doch insbesondere letztere lesen sich zuweilen wie die bemühten Erklärversuche einer Lehrerin, die ihrer geistig nicht ganz auf der Höhe befindlichen Klasse einen etwas komplexeren Sachverhalt möglichst nachvollziehbar veranschaulichen will. Stichwort: „Baumeister Otto baut ’ne Brücke, kommt’n Kritiker um die Ecke gebogen und meint, die Brücke sei zu breit…“. Das ist im Grunde eine nette Idee, und Zugänglichkeit in allen Ehren: Aber muss das sein?! Wenigstens scheint ihr ja selber durchaus bewusst zu sein, dass die von ihr angeführten Beispiele größtenteils für den Allerwertesten sind, da durch die Bank zu sehr heruntergebrochen und somit zwangsläufig zu simpel ausgestaltet. Wiederholt schreibt sie, der von ihr veranschaulichte Prozess sei „in Wirklichkeit natürlich viel komplizierter“. – Ja, warum dann überhaupt halbherzig skizzieren, wenn das Skizzierte lediglich einen Bruchteil das Ganzen abbildet und somit die heutige politische Realität, welche sie ja eigentlich begreiflich machen möchte,  nur ungenügend widerspiegelt?
Mir drängt sich an dieser Stelle die Frage auf, wen Weisband mit ihrem Buch eigentlich genau ansprechen will: Sind es nun Politik-uninteressierte Leser? Diese würden dann mit einem relativen Halbwissen abgespeist. Oder ist es dann doch eine grundsätzlich Politik-afine Leserschaft, der sie in ihrem Buch jedoch nichts wirklich bahnbrechend Neues erzählt, da schlicht der nötige Tiefgang fehlt? Man weiß es nicht… – Übrigens: Das Prinzip der unnötigen wie unangebrachten Versimplifizierung wird von ihr im späteren Verlauf des Buchs relativ ausladend kritisiert, was recht ironisch anmutet.

Wir brauchen Politiker, die auf Augenhöhe mit uns diskutieren. Denn dafür sind wir hier. Diskutieren, ausprobieren, entwerfen. Wir wollen die Gesellschaft gestalten, in der wir noch viele, viele Jahre leben werden.

Wie ein sprichwörtlicher Roter Faden zieht sich unüberlesbar jener Themenschwerpunkt durchs Buch, der von der Öffentlichkeit wie kein anderer mit der Piratenpartei – und im Prinzip ausschlielich mit der Piratenpartei – in Verbindung gebracht wird: Internet. Internet hier, Internet da, Internet überall. Das ist nun nicht verwunderlich, immerhin beruht das von den Piraten verangetriebene Konzept der Liquid Democracy, der Weisband gleich mehrere ganze Kapitel gewidmet hat, in großen Teilen, wenn nicht sogar gänzlich auf dem World Wide Web und seinen unendlichen Möglichkeiten, denn: das Internet ist gelebte Demokratie.

Ich möchte die gefühlte Omnipräsenz des Themas Internet dem Buch auch in gar keiner Weise vorwerfen! Nichtsdestotrotz empfand ich es als gelinde gesagt ziemlich überflüssig, im Rahmen von mehreren Seiten beispielsweise über solch elementare Themen wie die grundlegende Funktionsweise eines Online-Services wie Twitter zu referieren. Auch was Wikipedia ist und wie ein Wiki funktioniert, dürfte der angesprochenen Zielgruppe durchaus bekannt sein und muss somit nicht extra ellenlang von der Autorin erläutert werden. Ein Schelm, wer auf die Idee kommt, der Autorin vorzuwerfen, ihr gingen eventuell die Themen für ihr Mindest-Soll aus. Für mich gehört so etwas einfach nicht in ein Buch!

Pünktlich zum Bergfest, welches bei einem Publikat, das es lediglich auf etwas mehr als 170 Seiten bringt, ziemlich schnell abgehalten wird, fällt auf, dass man von den im Vorfeld hochtrabig angepriesenen „Ideen für eine zeitgemäße Demokratie“ eigentlich noch nicht sooo viel gelesen hat. Größtenteils ging es bisher lediglich um die Grundlagen unserer Demokratie, wie wir sie heute kennen, erklärt auf besserem Kindergarten-Niveau und hier und da angereichert mit dem ein oder anderen Griff in die hochtrabende Fachjargon-Kiste, um für den Leser wider erwarten doch noch was in petto zu haben, was er von der Lektüre des Buchs für sich mitnehmen kann.

Das Schlimme: Es wird nur bedingt besser. Spätestens ab hier, wo realisiert wurde, dass man für eine charmante Nachhilfestunde in Sachen Politik Geld ausgegeben hat (ich vermeide an dieser Stelle bewusst zu schreiben „zum Fenster rausgeschmissen“, denn der ein oder andere Leser könnte diese ja durchaus nötig gehabt haben), mutiert Marina Weisbands „Wir nennen es Politik“ vollends zur Dauerwerbesendung in bester QVC-Tradition, mit dem großartig-plumpen Grundtenor: Gib‘ den ach so trendigen Piraten deine Stimme, denn wir und nur wir haben die Zeichen der Zeit erkannt. Wobei ich anmerken muss, dass ich ihre Ausführungen zur Liquid Democracy, sowie über die nachrückende Generation von Politikern durchaus spannend fand. Beide Themenschwerpunkte sind eindeutig die Glanzlichter des Buches!

Apropos roter Faden: Was man dem vom Klett-Cotta-Sublabel Tropen, und somit von einem Verlag, der eigentlich seit jeher wie kaum ein anderer für herausragende publizistische Qualität steht, verlegten Titel ebenfalls vorhalten kann, ist das gefühlt nicht existente Lektorat. Das Buch strotzt quasi nur so vor Zeichensetzungsfehlern sowie weiteren grammatikalischen Unzulänglichkeiten, was bei all den hochgestochenen Formulierungen, mit denen Frau Weisband stellenweise um sich wirft, doch ein wenig merkwürdig anmutet und unweigerlich die Frage nach sich zieht, ob das Buch vor seiner Veröffentlichung überhaupt mal mit einem Rotstift in der Hand – und sei er nur von virtueller Natur gewesen – lektoriert wurde? Ich für meinen Teil bin geneigt, dies zumindest mal zu bezweifeln.

Fazit
Nach über einhundertsiebzig Seiten bin ich leider immer noch nicht schlauer hinsichtlich der Frage, was genau Marina Weisband mir mit „Wir nennen es Politik“ eigentlich sagen will? Ja, es liest sich alles sehr überzeugend, „echt“, zuweilen sogar visionär und man merkt ihr an, dass sie mit Herzblut voll hinter ihren Themen steht. Doch im Prinzip lässt sich ihr Buch auf die simple wahlkampfesque Aussage herunterbrechen, die da lautet: „Wir, die Piraten, stehen wie keine andere Partei in Deutschland für zeitgemäße Politik – also gebt uns gottverdammtnochmal eure f*cking Stimmen!“. Alternativ könnte man ihren dünnes Büchlein auch als simpel gestrickte Politik-Nachhilfestunde deklarieren, in der sie sich mit den Basics der deutschen Politik befasst, angereichert mit einer Prise Gutmenschentum. Um ehrlich zu sein: Weder das eine, noch das andere habe ich als jemand, der das dt. Bildungssystem erfolgreich durchlaufen hat, nötig. Dennoch hat mir die Lektüre nicht geschadet. Mit knapp 17 Euro war’s für den vergleichsweise geringen Umfang zwar ein recht eures Vergnügen, aber dies ist man als Klett-Cotta-Fan ja gewohnt.

— InaiMathi, am 13. März 2013

Wir nennen es Politik

Genre: Sachbuch
Veröffentlichung: 2013
Umfang: 172 Seiten
Autor: Marina Weisband
Verlag: Klett-Cotta / Tropen
Wertung
Wir nennen es Politik von Marina Weisband jetzt online bei Amazon.de bestellen  ➞

Videospiel-Reviews

DiRT 4
★ ★ ★
NieR:Automata
★ ★ ★ ★ ★
NBA Playgrounds
★ ★
3on3 FreeStyle
★ ★ ★ ★
Pro Evolution Soccer (PES) 2017
★ ★ ★
Trials Fusion
★ ★ ★ ★
Watch Dogs 2 - Return of DedSec
★ ★ ★ ★ ★
Titel Entwicklerstudio Wertung
DiRT 4 Codemasters ★ ★ ★
NieR:Automata Platinum Games ★ ★ ★ ★ ★
NBA Playgrounds Saber Interactive ★ ★
3on3 FreeStyle JoyCity ★ ★ ★ ★
Pro Evolution Soccer (PES) 2017 Konami Digital Entertainment ★ ★ ★
Trials Fusion RedLynx ★ ★ ★ ★
Watch Dogs 2 - Return of DedSec Ubisoft Montreal ★ ★ ★ ★ ★
Weitere Videospiel-Reviews

Kommentare

comments powered by Disqus