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InaiMathi Blog

Whitewashed Ghost

Gestern Abend hab ich mir zusammen mit der Liebsten „Ghost In The Shell“, die von Paramount Pictures produzierte Realverfilmung des gleichnamigen japanischen Kultmangas aus der Feder von Masamune Shirow, auf Blu-Ray angeschaut. Nach den gut anderthalb Stunden, die der Streifen bis zum Einsetzen des Abspanns in Anspruch nimmt, muss ich sagen: Ich fand ihn gut. Nein, nicht berauschend gut, schon gar nicht blockbusteresque, aber eben gut, solide, gelungen. Das überzeichnete Cyberpunk-Setting im futuristischen Japan ist den Machern superb gelungen, die eingestreuten Action-Szenen waren packend choreographiert wie inszeniert, und auch die Besetzung fand ich im Großen und Ganzen dann doch passend – allen voran natürlich Scarlett Johansson und ‚Beat‘ Takeshi Kitano. Zudem regt der Film tatsächlich hier und da zum Nachdenken an, was imho nie verkehrt ist. Einzig die für meinen Geschmack von Beginn an ein wenig zu geradlinig ausgefallene Handlung, die nur den sturen Pfad von A nach B kannte und mir zu sehr wie eine akribische Abarbeitung der Comic-Vorlage anmutete, ist mir wirklich negativ aufgefallen.

Nachdem ich mir den Film zuende angesehen und in der IMDB.com meine Wertung – immerhin solide 7 von 10 Sternen – hinterlassen hatte, stolperte ich in einer Review zum Film, die ich mir anschließend durchgelesen hatte, auf ein Thema, mit dem ich mich an dieser Stelle ein wenig beschäftigen möchte: Whitewashing. Den Ausdruck kannte ich bis dahin nicht, doch eine schnelle Recherche via Google ergab: Bei Whitewashing handelt es sich um einen (Kampf-)Begriff aus dem Dunstkreis der SJW-Szene, mit dem diese gegen „Ghost In The Shell“, die Produktionsstudios sowie beteiligten Personen ins Feld zieht, um den Film in eine bestimmte unschöne Ecke zu drängen, ihn zu diskreditieren und mich als interessierten Fan davon abzuhalten, ihn irgendwie gelungen zu finden. Getreu dem Motto: Sowas unterstützt man doch nicht! Als Whitewashing wird bezeichnet, wenn ein ursprünglich – soll heißen in der Vorlage, bzw. dem Original – nicht-weisser Charakter in einer primär westlichen Produktion durch einen weissen Schauspieler, bzw. eine weisse Schauspielerin besetzt und infolge dessen auch verkörpert wird. Bei „Ghost In The Shell“ wäre dies u.a. bei Major Motoko, dem Hauptcharakter der Geschichte, der Fall gewesen. Major sei im Manga schließlich Japanerin und als solche könne sie ja nunmal nicht, auf gar keinen Fall von einer in weissen Darstellerin wie der schönen Scarlett Johansson verkörpert werden, so lautet jedenfalls der Vorwurf.

Ich bin nun kein „Ghost In The Shell“-Experte, von daher könnte es sein, dass ich mit meiner folgenden Einschätzung der Lage daneben liege. Aber: Ist es nicht so, dass Major auch in der erwähnten Manga-Vorlage zwar Japanerin ist – bzw. das, was von ihr noch existiert, nämlich ihr Gehirn -, allerdings ihr Cyborg-Körper, ihre namensgebende „Shell“ auch dort bewusst „international“ entworfen wurde, so dass sie weniger wie eine Japanierin anmutet, sondern stattdessen wie ein, sagen wir mal, typisches „Power-Girl“, das unmittelbar einem US-Actionstreifen der 90er-Jahre entsprungen sein könnte? Außerdem: Dreht sich nicht mindestens einer der zahlreichen philosophisch angehauchten Aspekte von „Ghost In The Shell“ um die essentiell-tiefgreifende Frage, was es genau ist, das einen Menschen überhaupt aus- und menschlich macht? Dass sich der Körper eines Menschen, sein Aussehen zwar ändern kann, er aber trotzdem er selbst bleibt, solange sein Bewusstsein, der Geist, die Seele – in „GitS“ symbolisiert durch das transplantierte Gehirn, in welchem sie allgemein hin angenommen wird – bestehen bleibt. Das, was von einigen über-engagierten Kritikern nun als Whitewashing angeprangert wird, ist imho eine sehr oberflächliche Betrachtung der Dinge. Und außerdem rassistisch.

Ist ein Japaner nur dann ein Japaner, wenn er oder sie „japanisch“ ausschaut? Wie sieht eigentlich ein Japaner genau aus, worauf wird das oberflächliche „Japanisch-sein“, um das es beim Thema Whitewashing ja scheinbar geht, von den offenbar nicht minder oberflächlichen Kritikern genau reduziert? Schön rassistisch auf schmalere Augen, fehlende Lidfalte, Teint und Körpergröße? Überhaupt: Kann man nicht Japaner, bzw. japanisch sein ohne wie ein Abziehbild eines Klischees anzumuten? Haben sich die Kritiker eigentlich schon mal mit dem Zeichenstil des Mangas und/oder des Animes auseinandergesetzt und dabei u.U. bemerkt, dass dieser aufgrund seiner Abstraktheit quasi kaum Rückschlüsse auf reale optische Merkmale der Charaktere zulässt? Ist die Welt der Kritiker wirklich so verdammt simpel gestrickt, dass sie aus der Tatsache, dass in einem westlichen Film eine westliche Schauspielerin eine Japanerin spielt, die selbst in der Vorlage alles andere als „traditionell japanisch“ rüber kommt, ein Skandälchen konstruieren, anstatt sich mit dem eigentlichen Film, der wie eingangs erwähnt gar nicht mal schlecht ist, zu befassen? Wie gelangweilt muss man sein?!

Die eine Szene kurz vor Ende von „Ghost In The Shell“, in der die Mutter in Major letzten Endes ihre eigentlich verstorben geglaubte Tochter Motoko erkennt, hat doch im Grunde alles gesagt, was es zu dem Thema zu sagen gibt, oder? Wie geschrieben: Der Körper mag sich verändern, aber die Seele – der Mensch – bleibt erhalten.

Wow, manchmal wünsche ich mir die Zeit zurück, in der wir alle noch einen Ticken mehr Gelassenheit an den Tag gelegt haben, – ziemlich egal worum es ging.

— InaiMathi, am 6. August 2017
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