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InaiMathi Blog

Strohfeuer

Strohfeuer - © Rowohlt Verlag

Ich legte mir Sascha Lobos Debütroman „Strohfeuer“ an seinem Erscheinungstag, irgendwann im September 2010 zu, was beinahe an der allgemeinen Unwissenheit der Verkäuferin gescheitert wäre: zwar wusste sie, wer Sascha Lobo ist (O-Ton: „Das ist doch dieser eine komische Internet-Typ aus Berlin, oder?!“), von seinem Buch hatte sie hingegen noch nie etwas gehört. Zuhause blätterte ein paar Seiten ins Buch rein, legte es aber recht zügig wieder beiseite und machte mir stattdessen lieber Gedanken über Dinge, die mir damals einfach keine Ruhe ließen.

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach meinem letzten flüchtigen Blick ins Buch, tauchte der Berliner Szenewerber mit dem ikonischen knallroten Iro als Markenzeichen in Sarah Kuttners neuer alter Show „Bambule“ bei ZDFneo auf und gab dort, verdammt eloquent und sehenswert wie beinahe immer, seine Meinung zum Thema Konsumgesellschaft zum Besten.

Dieser unerwartete Auftritt Lobos hat mich nun unvermittelt dazu motiviert, mir ein Herz zu nehmen und dem in meinem Regal de Books relativ uninspiriert vor sich hin glimmenden „Strohfeuer“ eine zweite Chance zu geben. Gesagt, getan! – Es folgt meine ausführliche Buchkritik…

Strohfeuer
von Sascha Lobo
2010, Unterhaltung, 285 Seiten
Rowohlt Verlag

Der Autor
Sascha Lobo, geboren 1975 in Berlin, war Kreativdirektor einer Werbeagentur. Mittlerweile arbeitet er freiberuflich als Kommunikationsstratege und ist regelmäßiger Kolumnist für Spiegel Online. Er ist zudem verantwortlicher Redakteur des mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Weblogs Riesenmaschine. 2006 erschien sein Buch „Wir nennen es Arbeit“ (zusammen mit Holm Friebe), 2008 folgte der Roman „Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin„, den er gemeinsam mit Kathrin Passig geschrieben hat. Sein neues Buch hört auf den Titel „Wortschatz – 698 neue Worte für alle Lebenslagen“.

Buchtrailer

Klappentext
Tausche Seele gegen Erfolg. Sascha Lobos packender Debütroman über die Lebensgier in den Zeiten der New Economy. „Der Croupier warf die Kugel in den Kessel, schaute mich aufmunternd an und sagte: ‚Rien ne va plus.‘ Es fiel die 23. In diesem Moment war ich vollends überzeugt, dass sich gerade mein Schicksal entschied – mit dem Agenturverkauf, mit dem vielen Geld, das wir bekommen würden, mit Lena, irgendwie auch mit Sandra, mit meinem Leben. Das Schicksal war auf meiner Seite.“ – Quelle

Der erste Satz

„Im Spätsommer 1999 wartete ich auf das Fin-de-siècle-Gefühl, von dem ich gelesen hatte.“

Kritik
Man kann Sascha Lobo ja so manches vorhalten, jedoch nicht, dass er nichts zu sagen hat. Egal, wo man auf die Ergüsse des Herrn Lobo trifft, ob nun bei Twitter, in seinem Wohnzimmer, der Kommentarspalte anderer Blogs, in Polit-Talkshows oder auf Podiumsdiskussionen im Rahmen irgendwelcher Web-Kongresse, es sind aus der Sicht eines „Fans“, wie ich einer bin, stets lesenswert und meinungsstark formulierte Texte, die vor eloquentem Wortwitz nur so strotzen und höchst lesenswert zu (teils virtuellem) Papier gebracht wurden. Dumm nur, dass sich all diese über die Jahre irgendwie lieb gewonnenen Lobo’schen Grundtugenden in seinem Debütoman „Strohfeuer“, der im September 2010 in seiner ersten – und meines Wissens nach bis dato auch einzigen – Auflage in den Buchhandlungen der Republik aufschlug, nicht oder zumindest kaum wiederfinden!

Im Prinzip ist „Strohfeuer“ eine exzessiv vergangenheitskorrigierende Selbstbeweihräucherungsmaßnahme in Romanform mit dezent autobiographischem Touch, welche um ein paar Anekdoten aus den – zugegeben – spannenden, doch längst verdrängten verarbeiteten vergangenen Zeiten der New Economy angereichert und mit der ein oder anderen post-pubertären Vögelei angerundet wurde. Auf annähernd jeder der insgesamt 285 Seiten des Romans geht es stets um Sascha Lobo und Sascha Lobo, insbesondere aber vor allem um Herrn Sascha Lobo. Da wird von ausschweifenden Partys in angemieteten Fabrikhallen erzählt, mit längst Verflossenen abgerechnet, alte Weggefährten durch den Dreck gezogen bloßgestellt kritisiert und vom ersten Job in der zugekoksten Werbebranche schwadroniert und vom Aufbau der eigenen Agentur geschwärmt. All dies jedoch furchtbar ungenau und teils sogar, nun ja, „korrigierend“, da die harte Realität arg beschönigend: So lässt Lobo trotz akribischer Aufarbeitung seiner „frühen“ Jahre, schließlich hat „Strohfeuer“ wie bereits eingangs erwähnt einen offensichtlichen autobiographischen Einschlag, wortlos unter den Tisch fallen, dass seine erste eigene Werbeagentur nur ein Jahr nach der Gründung Insolvenz anmelden musste, oder aber, dass eine seiner aktuelleren Unternehmungen, der zum groß aufgezogenen Launch noch gemeinsam mit Johnny Häusler von Spreeblick.com betriebene Blog-Vermarkter Adnation, in der Blogosphäre nach wie vor auf eher wenig Gegenliebe stößt und somit ebenfalls als grandioser Flop bezeichnet werden darf, – um an dieser Stelle nur zwei der bei Wikipedia nachschlagbare Rückschläge aus Lobos bewegtem Leben zu nennen.

„Und aus dem alten Jahrtausend rausknutschen, was ist damit?“ Kathi schaute uns nacheinander an. Sandra warf die Tür zu und stellte sich vor Kathi hin.Die beiden verschwitzten Girls umarmten sich und versanken in einem Zungenkuss. Ich drückte mich dazu, als schon ein paar verschwitzte Kleidungsstücke auf dem Boden lagen, und wurde ohne größeren Widerwillen aufgenommen. Wir gerieten ins Vögeln.

Am Rande, quasi immer dann, wenn im Leben von Sascha Lobo ausnahmsweise mal nicht allzu viel los war, befasst er sich dann auch noch mit der verblendeten Scheinwelt der New Economy. Und was soll ich sagen: diese Passagen sind sogar wirklich interessant zu lesen, was mich zugegeben selbst überrascht hat! Lobo erzählt von dieser aus unternehmerischer Sicht sicherlich faszinierenden Zeit, in der alles möglich erschien – und so mancher Haus und Hof verzockt hat. Er thematisiert, wie die „Dotcom-Blase“ sich immer weiter vollkommen illusorisch aufblähte, – bis sie letzten Endes, untermalt von einem großen, für alle Beteiligten sicherlich höchst überraschenden Knall, zerplatzte wie eine Seifenblase, die von einem Windstoß erfasst wurde. Lobo schafft es jedoch zu keinem Zeitpunkt, beim geneigten, branchenfremden Leser wirkliches Interesse für das Geschilderte zu wecken, zu erreichen, dass der Leser sich öffnet für Lobos Roman-Alter Ego, den Hauptprotagonisten Stefan, einen aufstrebenden Berliner Werber, dessen in vielerlei Hinsicht ziemlich abgedrehten Freundes- und Bekanntenkreis und die Geschehnisse an sich. Dafür gestaltet sich der gesamte Romans viel zu lapidar, über weite Strecken schlicht zu belanglos und nüchtern inszeniert. Der Funke will und will einfach nicht überspringen.

Wäre ja noch nicht einmal so tragisch, wenn das alles für Lobo’sche Verhältnisse nicht so unfassbar langatmig und einfach nur entsetzlich dröge niedergeschrieben worden wäre. Wer dem privaten Blog von Sascha Lobo regelmäßig einen Besuch abstattet, weiß mit Sicherheit, dass der Mann mit Worten sehr wohl umgehen kann. Von dieser Gabe ist in seinem kontrovers diskutierten Debütroman jedoch nicht wirklich viel zu merken: Durchgängig aus der schnöden Ich-Perspektive des latent unsympathisch wirkenden Protagonisten Stefan geschildert und mit vornehmend stilistisch eher einfach gehaltenen Satzkonstruken durchzogen, die nur dann und wann mal von einer typisch hochgestochenen neuen Wortschöpfung Marke Lobo aufgehübscht werden, liest sich „Strohfeuer“ passagenweise wie ein halbgarer Aufsatz eines Schülers, der mal eben in der großen Pause eilig hingeschustert wurde. Lobo rechnet witzlos und recht plakativ mit annährend der gesamten Werbebranche, dem ihr zugehörigen Lifestyle und den dort grasenden Schwarzen Schafen (und davon gibt es wohl eine ganze Menge…) ab. „Strohfeuer“ verkommt dabei so ein bisschen zu einem pauschalen Anprangern von Menschen, die (in so ziemlich jeder Hinsicht) dem Absturz nahe sind. Diese Unart des öffentlichen Anprangerns geschieht zwar wenig reumütig und selbstreflektierend, dennoch bleibt nach der Lektüre ein zweifelhaftes „G’schmäckle“ über – was vielleicht sogar sinnbildlich für eine ganze Branche ist.

Fazit
Aufgrund des überschaubaren Umfangs merkt man recht schnell, dass Sascha Lobo wider erwarten nicht allzu viel zu sagen hat. Außer ein paar mehr oder minder treppenwitzesquen Anekdoten aus der Zeit der New Economy, platter Abrechnung mit der gesamten Werbebranche und den dort hausenden Gestalten sowie ausufernder Selbstbeweihräucherung ist da nicht viel. – Werber und Fans von Sascha Lobo dürfen einen Blick riskieren, alle anderen und insbesondere solche, die einen Roman über die „Dotcom-Blase“ erwarten, verbrennen sich an diesem „Strohfeuer“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Finger!

— InaiMathi, am 22. März 2012

Strohfeuer

Genre: Unterhaltung
Veröffentlichung: 2010
Umfang: 285 Seiten
Autor: Sascha Lobo
Verlag: Rowohlt Verlag
Wertung
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