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InaiMathi Blog

Seelenficker: Tagebuchroman vom Drogenstrich

Seelenficker: Tagebuchroman vom Drogenstrich - © Ubooks Verlag

Prostitution in Deutschland – noch immer ein Tabuthema, dem sich medial in der Regel sehr einseitig angenommen wird. Da wird Mitleid geheuchelt und exzessiv auf die Tränendrüse gedrückt – doch letzten Endes werden die Frauen auf dem Strich immer wieder aufs Neue pauschal als billige, unverbesserliche Schlampen tituliert und als die niederste Gossenschicht der Gesellschaft abgestempelt. Schicksale jedweder Art, die sich heimlich, still und leise im Hintergrund abgespielt und die Frauen letzten Endes in die Prostitution getrieben haben, werden in der Regel außen vor gelassen.

Natascha ist eines jener Mädchen, die sich regelmäßig auf dem Straßenstrich prostituieren und Sex gegen Geld offerieren. Einst war sie zudem den Drogen verfallen, Crystal, Heroin, Chemo und Ecstasy waren die einzigen echten Freunde, die ihr noch blieben; mit der Welt um sie herum hatte sie abgeschlossen, Suizid war der letzte Ausweg aus der sie Tag für Tag verfolgenden Tortur, die sie lange Jahre ihr Leben nannte, den sie noch sah. – Dies hat sich mittlerweile geändert: Natascha hat abgeschlossen mit ihrer Vergangenheit, sowohl mit ihrer Drogensucht, als auch mit der Zeit auf dem „Babystrich“ unter der Fittiche ihres ausbeutenden Zuhälters, – naja, zumindest ein wenig. Ihre bewegenden Erlebnisse hat sie über all die Jahre hinweg in Form eines Tagebuchs aufgeschrieben. Und eben diese sehr intimen Tagebucheinträge liefern das Gros der Inhalte ihres Debütromans „Seelenficker: Tagebuchroman vom Drogenstrich“, der im Jahr 2007 im Ubooks Verlag veröffentlicht wurde und dem nur wenig später eine Hörbuch-Edition (siehe unten) folgte. Ein Werk, welches die unfassbar tiefen menschlichen Abgründe aufzeigt, die sich durch alle Schichten unserer Gesellschaft ziehen, das wachrüttelt, entsetzt und langfristig zum Nachdenken anregt.

So erging es auch mir: Ich habe „Seelenficker“ noch an dem Tag, an dem ich erstmals – zugegeben, aus reiner Neugierde – reingeschaut hatte, in einem Rutsch ausgelesen! Mir persönlich sagen die unmittelbar aus dem Leben entsprungene (Tabu-)Thematik, Nataschas offensiver Umgang mit selbiger und ihre unverhohlen vorgetragene Kritik an unserer ach so tollen Gesellschaft, sowie – selbstredend – die mannigfaltigen psychologischen Aspekte des Werks sehr zu. Dieses unverfälscht Abgefuckte ist gleichzeitig großartig berührend wie bestürzend. – Tragischer Anti-Pop in Reinkultur!

Seelenficker: Tagebuchroman vom Drogenstrich
von „Natascha“
2007, Anti-Pop / Erotik, 128 Seiten
Ubooks Verlag
www.Seelenficker.net

Die Autorin
Über die unter dem Pseudonym „Natascha“ schreibende Autorin des Romans „Seelenficker“ ist nur relativ wenig bekannt. Schon in jungen Jahren sah sie sich gezwungen, auf dem Kinderstrich anschaffen zu gehen, der unweigerliche Absturz in den Drogensumpf folgte auf dem Fuße. Einige der verstörendsten Erlebnisse, die sie während ihrer Zeit als Prostitutierte über sich hat ergehen lassen müssen, hat Natascha, die wie sie beteuert inzwischen von den Drogen weg und clean ist und gegen ihren langjährigen Zuhälter vor Gericht ausgesagt hat, um diesen für all die Schmerzen, die er ihr in den ganzen Jahren körperlich wie seelisch angetan hat, zur Rechenschaft zu ziehen, in ihrem Debütroman verarbeitet.

Inhalt
„‚Ich habe mir immer gedacht, wenn ich Drogen nehme, dann können sie ruhig meinen Körper ficken, dann sollen sie mit mir machen, was sie wollen. Denn ich hasse meinen Körper, der ist so fett und hässlich und unförmig und sowieso habe ich es nicht besser verdient. Doch in den Momenten, wenn die Drogen aufhören zu wirken, merke ich, dass die Leute auch meine Seele ficken. Das tut weh, nein, mehr noch, das zerstört, ohne zu zerstören, man bleibt übrig und weiß, dass man kaputt ist, unheilbar, und dass man damit leben muss…'“ – Quelle

Der erste Satz

„Es wäre schön, wenn die Welt nicht so wäre, wie sie nun einmal ist.“

Kritik
Ein junges Mädchen, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, auf die Knie gesunken, die Handflächen vor ihrer Scham verschränkt. Im Haar trägt sie eine pinkfarbene Haarspange in der Form eines Schmetterlings, in ihrem Dekolleté baumelt an einer langen Kette ein Baby-Schnuller. Der Blick des noch sehr kindlich wirkenden Mädchens wirkt erschöpft, niedergeschlagen, resignierend und – ums mal frei raus zu sagen – einfach unheimlich angekotzt von der Welt. – Ja, selbst das Buchcover von „Seelenficker: Tagebuchroman vom Drogenstrich“, dem 2007 erschienenen Debütroman der anonymen Autorin „Natascha“ gestaltet sich durch und durch provokant und macht gleichzeitig unheimlich nachdenklich. Der eigentliche Inhalt ist ebenso harter Tobak: es geht, wie der Buchtitel bereits andeutet, um Prostitution, genauer gesagt um die illegale Arbeit auf dem „Babystrich“, im Volksmund auch leicht flapsig Kinderprostitution genannt.

Natascha schildert in sechs Kapiteln, die es zusammengenommen auf einen Umfang von insgesamt 128 Seiten bringen, allerlei Alltägliches, Grausames und Abartiges – kurzum Dinge, mit denen sie sich während ihrer jahrelangen Arbeit auf dem Straßenstrich Abend für Abend, Nacht für Nacht konfrontiert sah. Der Inhalt des Buchs setzt sich dabei auf dutzenden und aberdutzenden weitestgehend zusammenhanglosen von Natascha verfassten Tagebucheinträgen und Notizen zusammen, die in ihrer Länge und Aussagekraft teils enorm variieren. Mal schreibt sie von ihrem verkorksten Elternhaus, dem angespannten Verhältnis zu ihrer Familie und insbesondere zu ihrer Mutter, sowie darüber, wie es überhaupt dazu kam, dass es sie in so derart jungen Jahren auf den menschenverachtenden Babystrich irgendeiner nicht näher genannten Stadt im Osten Deutschlands verschlagen hat. Ein andermal berichtet sie direkt vom Anschaffen selbst, schreibt über den Sex mit ihren Freiern und ihrem Zuhälter, welchen sie zutiefst hasst und im Prinzip lediglich im zugedröhnten Zustand überhaupt einigermaßen erträgt. Den Bogen schließt das finale Drittel des Romans, in welchem ihr Drogenentzug und die Frage nach ihrer Zukunft weitestgehend beantwortet werden; was sie irgendwann einmal erreichen will, wenn sie mit dem Thema Prostitution komplett abschließen konnte – sollte sie dies jemals zu einhundert Prozent schaffen.

Was sofort auffällt: Das Buch, beziehungsweise dessen Inhalt, wurde allem Anschein nach vom Verlag kaum bis überhaupt nicht lektoriert/redigiert: Nataschas Schreibstil gestaltet sich sehr hölzern, rudimentär und unspektakulär. Doch das passt. Es liest sie eben exakt so, wie ein junges Mädchen, das allen Unkenrufen zum Trotz nicht ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen zu sein scheint, seine teils recht unstrukturierten, wirren Gedanken „mal eben“ beiläufig zu Papier bringt. Dazu gesellen sich von Zeit zu Zeit Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler, ein andermal stehen mitten im Fließtext wirre Buchstabenkolonnen, die da definitiv nichts zu suchen haben. Der ein oder andere mag dies dem Buch negativ ankreiden, ich hingegen finde, diese kleine unperfekte Note unterstreicht noch einmal die Authentizität des Gesamtwerks.

Aber ich habe trotzdem Angst… Angst vorm Sterben, also davor, wie es ist, wenn man tot ist. Der Weg dahin macht Angst… manchmal. Denn ich weiß nicht wie der Weg ist. Dann lieber Drogen und ficken, das ist ein Tod auf Raten. Den Weg kenne ich. Das ist in Ordnung. Jedes Mal, wenn du was nimmst oder mit einem Kerl fickst, der locker dein Vater sein könnte, stirbt ein Teil von dir. Die Seele zuerst. Am Schluss das Gehirn… und das Herz.

Das was Natascha über die Jahre in ihre Tagebuch, auf Zettel und Post-Its aufgeschrieben hat, hat Hand und Fuß – und ist wortgewaltig in seiner Einfachheit! „Seelenficker“ liest sich roh, dreckig, unbeschönigt, die frappierenden Missstände in unserer Gesellschaft anprangernd und knallhart beim Namen nennend: „Männer, warum fickt ihr Kinder?!“ fragt sie zum Beispiel in einem Kapitel anklagend und – wie ich mir vorstellen kann – den Tränen nah. Ein andermal formuliert sie nachdenklich, ja geradezu melancholisch, um ein besseres, lebenswerteres Dasein flehend. Hart sind jene Abschnitte, in denen Natascha, scheinbar von Depressionen zerfressen und vollgepumpt mit Crystal, Ecstasy, Heroin und zig anderen Drogen unterschiedlicher Colour, sich selbst und ihren Job, die Prostitution, niedermacht. So bezeichnet sie sich mantraartig als „kleine dumme Fotze“, scheinbar, weil ihr dies immer und immer wieder eingebleut wurde, weil sie, die sie seit frühsten Kindestagen sowohl von ihren Eltern als auch von den Freiern, die auf sie gehetzt wurden, misshandelt wurde, nie so etwas wie ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickeln konnte. Man hat den Eindruck, sie sah sich nur noch als Objekt, dessen einziger Sinn seiner Existenz es war, die Beine breit zu machen und still zu halten, wenn es dem Abschaum des männlichen Geschlechts nach etwas Spaß zumute war. – Eine wahrlich unfassbar erschreckende Selbstwahrnehmung!

Auch ihr völlig aus den Fugen geratenes Weltbild schockiert: So ersehnt sie sich bessere Zeiten, wünscht sich in kindlich-naiver Manier eine eigene kleine, glückliche Familie, einen echten festen Freund, der für sie da ist, ihr Halt gibt und nicht bloß ihren Körper begehrt, und irgendwann vielleicht sogar Kinder. Doch gleichzeitig denkt sie „professionell“, sieht Sex nur als Mittel zum Zweck an: So bringe ihr Sex in einer normalen Beziehung rein gar nichts, sagt sie, der mit ihren Kunden hingegen schon: nämlich Geld, mit dem sie sich wiederum ihre Drogen und anderen Suchtmittel finanzieren kann, um sich letztlich aus ihrem grausamen Alltag flüchten zu können. Sie geht sogar so weit und empfindet das „Gefickt-werden“ (Zitat) im zugedröhnten Zustand als Entspannung und Wohltat gegenüber der harten realen Welt, die sie erwartet, sobald sie aus ihrem Rauschzustand aufwacht, und ihren Zuhälter, und somit jenen Menschen, der nicht unmaßgeblich zu ihrer verfahrenen Situation beigetragen hat, vergöttert sie grotesquerweise als ihren großen Helden und Retter in der Not – ein irrer Teufelskreis.

Neben all den Passagen über ihren Gemütszustand, ihr Selbstverständnis, ihre Ängste und sehnsüchtigen Zukunftsträume, gewährt Natascha dem geneigten Leser auch Einblick in diverse verstörende Momente aus ihrem Alltag. Allen voran: der Sex mit ihren Freiern. Im Gedächtnis haften blieb mir ihre Begegnung mit einem Kunden, den sie stets nur „Der Rektor“ genannt hat. Die Story um den perversen Kerl und seine ziemlich „speziellen“ Wünsche ziehen sich durch fast das komplette dritte Kapitel des Buchs und lesen sich ohne zimperlich wirken zu wollen einfach nur extrem widerlich, drastisch und explizit! Das Geschilderte lässt sich wohl am treffendsten zusammenfassen mit: Wenn aus Sex blanke Panik wird. Bemerkenswert: Zwar schreibt Natascha zuweilen sehr ausführlich und detailliert über ihre Erlebnisse mit ihren Kunden, doch driftet sie – trotz zuhauf verwendeter Fäkalsprache – zu keiner Zeit ins wirklich ekelhaft-obszöne ab, wie es beispielsweise Charlotte Roche in ihren beiden Romanen „Feuchtgebiete“ (siehe meine Rezension) und „Schoßgebete“ (siehe meine Rezension) passiert ist.

Nataschas Geschichte, ihr Schicksal geht einem als Leser, der das Herz auf dem rechten Fleck hat, sehr nah, sie macht wütend, lässt einen verzweifeln ob der offensichtlichen Hilflosigkeit und Verzweifelung der jungen Frau, die auf nahezu jeder einzelnen Seite durchschimmert.

Gott hat meine Eltern gemacht! Und er hat auch mich gemacht. Das verzeihe ich ihm nie!

Doch so sehr Nataschas Tagebucheinträge auch schockieren mögen: es gibt auch Hoffnung! Man merkt deutlich, wie Natascha von Notiz zu Notiz eine Entwicklung durchmacht, wie sie reift, ihren Job immer mehr infrage stellt und allmählich bei ihr durchdringt: Hey, du bist so viel mehr – gib‘ nicht auf und kämpfe! Sie wendet sich ab vom Dasein als Hure, die sich und ihr Leben aufgegeben hat, hin zur jungen Frau, die Halt sucht und ihr aus der Bahn geworfenes Leben kitten will, die Ehrgeiz zeigt, die der Hölle Prostitution über kurz oder lang entkommen und sich eine schönere, lebenswertere Zukunft aufbauen will. – Ob sie dies in den fünf Jahren, die seit der Erstveröffentlichung ihres Buches inzwischen ins Land gezogen sind, geschafft hat, was mittlerweile aus ihr geworden ist, ist – zumindest mir – nicht bekannt. Und dennoch: Ich bin zuversichtlich, dass sie ihren Weg gegangen ist!

Ich finde es vom verlegenden Ubooks Verlag sehr gewagt, Nataschas Aufzeichnungen zwar weitestgehend anonymisiert jedoch in unbeschönigter und vor allem unzensierter Form zu veröffentlichen – und doch war dies in meinen Augen die einzig richtige Entscheidung, die man hat treffen können. – Chapeau für diesen verlegerischen Mut!

Fazit
„Seelenficker – Tagebuchroman vom Drogenstrich“ ist eines jener Bücher, die einen von der ersten Seite an gefangen nehmen und, so man sich denn auf die allzu oft tabuisierte Thematik einlässt, einen bewegen, packen und mit einem ungläubigen Kopfschütteln zurücklassen. „Seelenficker“ bietet einen unzensierten Einblick in die kaputte Psyche eines Menschen, der am Boden liegt und am Ende ist, der sich windet und sich aus dem Leben sehnt. Eine Lebensgeschichte, schonungslos ehrlich, provokant und aufwühlend zu Papier gebracht, von einer, die es wissen muss. – Unbedingte Leseempfehlung!

— InaiMathi, am 13. Mai 2012

Seelenficker: Tagebuchroman vom Drogenstrich

Genre: Anti-Pop / Erotik
Veröffentlichung: 2007
Umfang: 128 Seiten
Autor: "Natascha"
Verlag: Ubooks Verlag
Wertung
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