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InaiMathi Blog

Mängelexemplar

Mängelexemplar - © S. Fischer Verlag

Depressionen, die schleichende Volkskrankheit. Immer mehr Menschen leiden, ob nun bewusst oder unbewusst, unter depressiven Störungen, fühlen sich gehemmt, liegen im steten Clinch mit ihrem Ich und der Welt um sie herum. Die Ursachen einer Depression sind vielfältig: sie kann erblich bedingt sein, als auch durch einen Verlust ausgelöst oder – der Klassiker – durch ein traumatisches Erlebnis hervorgerufen werden. Die Therapierung ist schwierig und zeitintensiv, doch sie kann gelingen.

Moderatorin Sarah Kuttner nimmt sich in ihrem im Jahr 2009 erschienenen Debütroman „Mängelexemplar“ auf charmant-witzige Art und Weise dem ernsten Thema Ängste und Depressionen an, – und liefert aufgrund der sehr authentischen, stets „auf Augenhöhe“ erzählten Geschichte massig Stoff für Diskussionen, ob ihr Buch denn nun autobiographisch angelegt ist – oder nicht. Sie selbst hält sich, was die Antwort auf diese Frage angeht, bedeckt.

Mir wurde der Roman von meiner Freundin ans Herz gelegt (siehe ihre Buchbesprechung in ihrem im Blog), und obwohl ich ursprünglich der Meinung war, das zugrunde liegende Thema wäre nicht das meine, muss ich ganz ehrlich zugeben, dass sich die Geschichte um Karos schweren Gang durch das tiefe Tal der Tränen zurück gen Sonnenseite des Lebens zu einem meiner absoluten Favoriten gemausert hat, der in meinem Regal de Books auf jeden Fall mit einem Ehrenplatz bedacht werden wird! – Es folgt meine Rezension zu „Mängelexemplar“…

Mängelexemplar
von Sarah Kuttner
2009, Unterhaltung, 261 Seiten
S. Fischer Verlag

Die Autorin
Sarah Kuttner wurde 1979 in Berlin geboren. Ihre Karriere begann beim Berliner Sender Radio Fritz, von dem sie bald zu den TV-Musiksendern VIVA und MTV wechselte. Mit „Kuttners Kleinanzeigen“ bekam sie 2007 erstmals einen eigenen Sendeplatz im Programm der ARD. Zudem wird sie als Moderatorin gebucht und schreibt Musikkolumnen für diverse Magazine und Zeitungen. Ein Teil dieser Kolumnen wurde bereits in Buchform veröffentlicht, zuletzt in „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“.

Buchtrailer

Inhalt
„Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, liebenswert und aggressiv, überdreht und traurig. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da.“ – Quelle

Der erste Satz

„Eine Depression ist ein fucking Event!“

Kritik
Ohne große Umschweife bringt Sarah Kuttner es auf den Punkt: Eine Depression ist ein ernstes, schwerwiegendes Thema, aber keines, das nicht auch augenzwinkernd und mit einer gehörigen Portion Witz angegangen werden kann. Und so macht „Mängelexemplar“ keineswegs vor all den Abgründen halt, die eine handfeste Depression für gewöhnlich so mit sich bringt. Der geneigte Leser wird mitgenommen auf eine Reise ins angeknackste Seelenleben, in die zertrümmerte Psyche der Hauptprotagonistin Karo, aus deren Sicht die Geschichte sinnigerweise auch erzählt wird, die unvermittelt den Halt verliert, abrutscht und droht an ihren Gefühlen und ihrem neuen „unbeschwerten“ Leben, das es – zumindest wenn es nach ihr ginge – eigentlich werden sollte, zugrunde zu gehen. Die Autorin schafft es jedoch, all dies augenzwinkert und mit einer Menge eloquentem Humor zu präsentieren, so dass der Leser von der im Grunde deftigen Thematik nicht erschlagen wird.

Überhaupt Eloquenz: Ich liebe Sarah Kuttners Schreibstil! Wer ihre Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung und in dem ein oder anderen Musikmagazin, oder aber die beiden ebenfalls im S. Fischer Verlag erschienenen Bücher „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“ und „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“, in denen ihre Kolumnen der Jahre 2006 bis 2007 nochmals veröffentlicht wurden, gelesen hat, weiß sicherlich, wovon ich spreche. Die Frau hat ein unheimliches Talent mit Worten umzugehen! Sie versteht es, sexy Eloquenz mit cooler Lässigkeit zu verbinden und das Ergebnis anschließend noch mit einem Schuss Selbstironie abzurunden, um Geschichten zu niederzuschreiben, die sich lesen wie guter Sex sich anfühlt: berauschend und unendlich geil. Zudem hat sich der S. Fischer Verlag sehr viel Mühe mit der optischen Gestaltung des Covers und der im Schriftsatz verwandten Typo gegeben. Das Cover mag zwar auf den ersten Blick äußerst minimalistisch daher kommen – die Farbe Weiss dominiert, zu sehen ist lediglich dezent zerknittertes Papier -, doch gerade diese schlichte Eleganz ist es, die das „Mängelexemplar“ aus dem nicht enden wollenden Strom von Büchern mit immer bombastischeren Buchcovern und im Gegenzug immer anspruchsloseren Texten herausstechen lässt. Außerdem soll die schlichte Aufmachung den Leser wohl dazu anregen, seinen Blick hinter die offensichtliche Fassade lenken. – Geschickt!

„Wäre ich nicht so ungeduldig, könnte ich vermutlich springreiten, singen oder sehr belesen sein. You can get it if you really want. Ich wante vermutlich nicht really genug. Auf der anderen Seite wante ich zumindest genug, um ordentlich unzufrieden zu sein, es nicht zu getten.“

Aber zurück zum Inhalt: „Mängelexemplar“ mag mit lediglich 261 Seiten zwar nicht gerade der umfangreichste Romane aller Zeiten sein, und doch schafft Kuttner es, jede einzelne der 261 Seiten komprimiert mit relevanten Inhalten zu füllen, die den Leser nie kalt lassen, die ihn tangieren: Man erfährt die Auslöser von Karos Depressionen, ist quasi hautnah mit dabei, wenn sich ihre Ängste bis ins Unendliche steigern und sich ein neuer Angstanfall anbahnt, Kuttner (Karo) schildert, wie es in einem Menschen aussieht, der Tag ein Tag aus von seinen Gefühlen, von seinen Ängsten kontrolliert wird, bis er nicht mehr kann und schlussendlich zusammenbricht, weil die Psyche einfach nicht mehr mitspielt. Diese Passagen, in denen explizit Karos Seelenleben und ihr körperlicher Zustand thematisiert werden, sind bewegend und verstörend zugleich. Es wirkt so dermaßen authentisch und „erlebt“, dass ich mich bei der Lektüre wirklich des öfteren gefragt habe, ob „Mängelexemplar“ vielleicht nicht doch einen autobiographischen Einschlag hat? Hat Kuttner all dies etwa am eigenen Leib durchmachen müssen? Sie hält sich, was die Antwort auf diese Frage angeht, nach wie vor bedeckt. – Es ist… wahrlich ergreifend zu lesen, wie die Protagonistin im einen Moment Mordgedanken vehement abstreitet (S. 56), um sich nur wenig später zu lesen: „Schlimmer Schmerz ändert schon irgendwie den Verwendungszweck einer Schere“ – und somit das exakte Gegenteil. Solche „harten“ Stellen sind selten – doch sie kommen vor. Man merkt, wie zerrissen Karo innerlich ist, wie sehr sie mit sich, ihren Ängsten und ihrem Herz im steten Clinch liegt. Sarah Kuttner ist es gelungen, dies auf außerordentliche, sehr eindringliche Weise zu transportieren, dem Leser näher zu bringen, wie es in der Seele eines Menschen ausschaut, der unter einer solch starken Form von Depressionen leidet.

Doch die Geschichte macht zugleich auch Mut: Eine Depression ist keineswegs ein dauerhafter Zustand, sondern kann therapiert werden. Karo lernt ihre großen und kleinen Maken zu akzeptieren, dass gerade sie es sind, die sie ausmachen. Dass nicht nur ihr Körper mal krank werden kann, sondern auch ihre Seele, und dass es nichts Verwerfliches ist, weswegen man sich schämen muss, wenn man dies mit Hilfe von Antidepressiva zu kurieren versucht. Sie formuliert dies wie folgt: „Eine Befürchtung, die viele Menschen haben, ist, dass Antidepressiva das Bewusstsein, die eigene Persönlichkeit verändern. Dass man von Tabletten gesteuert ist und nicht mehr man selbst. Das stimmt aber nicht. Ich fühle mich nicht fremd. Die Tabletten machen mich nicht falsch glücklich, nur weniger chaotisch. Ich bin traurig, wenn ich traurig bin, und unsicher und ängstlich, wenn es passt. Nicht mehr alles auf einmal. Und allein das erleichtert mich ungeheuer.“

„Sie [Karos Psychologin] meint meine extrem hohen moralischen Erwartungen an andere. Da könnte sie recht haben, denn hier bin ich der Fanclubleiter der kategorischen Imperativs.“

Karo begreift schließlich, dass das Leben viel zu lebenswert ist, um sich und all das Positive, was da noch kommen wird, einfach so aufzugeben. Realisiert spätestens an dem Punkt, als jemand neues in ihr Leben tritt, dass es für jeden Menschen irgendwann einmal Situationen gibt, die ihn aus der Bahn werfen könne und unüberwindbar erscheinen, doch dass gerade diese Hürden gemeistert werden können, wenn man sich eben nicht hängen lässt, sondern stattdessen kämpft, auch mal „schwach“ ist und sich anvertraut, wenn man zulässt und sich öffnet für etwas neues; die Vergangenheit, und mag sie noch so schmerzen, ein für alle mal abhakt und ein neues Kapitel aufschlägt. – Diese beeindruckende Reise, Karos Wandel von depressiv am Boden zerstört und ihren erdrückenden Ängsten beinahe vollends erlegen, hin zu einer zuversichtlich in die Zukunft schauenden jungen Frau, die im Leben wieder Halt findet, jeden Tag ein bisschen mehr, ist wirklich großartig, berührend und bewegend!

Fazit
Das „Mangelexemplar“ von Sarah Kuttner ist ein phenomenal gelungener Debütroman, der mich nachhaltig beeindruckt hat. Ich liebe den Stil, in dem die tiefgreifende Geschichte um Karo und ihr Seelenleben erzählt wird, mag den Humor und den Charme, den der Roman an allen Ecken und Enden versprüht. Kurzum: Für mich ist „Mängelexemplar“ eines der besten literarischen Werke, die in meinem Bücherregal ein Zuhause gefunden haben. – Danke, Sarah!

Sarah Kuttners Bestseller „Mängelexemplar“ ist auch als Hörbuch erschienen, charmant gelesen von der Autorin höchst selbst. Der inoffizielle Nachfolger „Wachstumsschmerz“ wurde im Oktober 2011 veröffentlicht.

— InaiMathi, am 14. Februar 2012

Mängelexemplar

Genre: Unterhaltung
Veröffentlichung: 2009
Umfang: 261 Seiten
Verlag: S. Fischer Verlag
Autor: Sarah Kuttner
Wertung
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