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InaiMathi Blog

Interview mit Stephan Fandrych

SynchroWorld.de
Herr Fandrych, Sie arbeiten als Produktionsleiter und Tonmeister beim Synchronstudio PPA Film in München. Wie Sie sich bestimmt vorstellen können, sind viele unserer Leser daran interessiert, wie man zu einem solchen Beruf kommt. Beschreiben Sie uns doch bitte Ihren Werdegang!

Stephan Fandrych
Ich komme eigentlich eher aus der Musik. Nach meinem Studium an der Musikhochschule Graz, habe ich die SAE („School of Audio Engineering“, Anm. d. Red.) in München besucht und war danach ein Jahr in Australien als Sound-Engineer tätig. Durch einen Freund bin ich eher zufällig in einem Synchronstudio gelandet. Später war ich dann bei der Bavaria Film als Tonmeister beschäftigt. Die Filmbranche gefiel mir von Anfang an, da sie eine sehr abwechslungsreiche Branche ist und man viele skurrile Typen kennenlernt. Seit 2001 bin ich Produktionsleiter bei der PPA Film.

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Wir in Deutschland haben den Vorteil, dass wir ausländische Filme in den seltensten Fällen im Original „ertragen“ müssen. Was ist denn alles von Nöten, damit Stars wie George Clooney fließend Deutsch sprechen?

Stephan Fandrych
Das ist eigentlich eine lange Geschichte. Zuerst sucht man sich ein Team, das zu dem Film passt. Das heißt, von dem Dialogbuchautor über einen Regisseur bis hin zu dem Synchroncutter. Das Team ist wichtig, da man ja eine Weile eng und konzentriert zusammen arbeiten muss, und nicht selten unter großem Zeitdruck steht.
Dann wird eine sinngemäße Übersetzung des Films anhand einer so genannten Continuity erstellt. In der „Conti“ stehen die englischen Dialoge mit Kommentaren zu Anspielungen und Wortspielen usw. Der Dialogbuchautor schreibt dann anhand der Übersetzung, der „Conti“ und dem Bild Satz für Satz lippensynchron. Parallel besetzt der Aufnahmeleiter alle Rollen in dem Film in Absprache mit dem Regisseur. Natürlich wird geforscht, wer wen schon in früheren Filmen gesprochen hat. Nachdem dann einige technische Sachen vorbereitet sind, geht’s ins Aufnahmestudio. Regisseur, Tonmeister, Cutter und Aufnahmeleiter sind für einen durchschnittlichen Kinofilm 4 – 7 Tage in den Aufnahmen, wo Satz für Satz synchronisiert wird.
Nach den Aufnahmen werden die Synchrontakes im Computer geschnitten, das heißt jeder Satz wird nochmal genau auf die Lippenbewegungen angepasst. Als letztes werden Sprache, Musiken, Geräusche und Effekte in der Mischung zusammengefahren, wo Lautstärken und Hallräume etc. angeglichen werden. Das Ganze noch in verschiedenen Formaten, wie SDDS, SRD, SVA und 2 Kanal, je nach Anforderung.

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Auf der Webseite von PPA Film (www.ppafilm.de) geben Sie an, ihm sitzen, stehen und liegen zu synchronisieren. Was genau ist Ihre Aufgabe, wenn ein neuer Film darauf wartet, bei PPA Film bearbeitet zu werden?

Stephan Fandrych
Ich bin für den reibungslosen Ablauf der Produktion verantwortlich, muss die richtigen Leute, Studios, Schneideräume etc. zusammenstellen und dafür sorgen, dass alles in einem gewissen finanziellen Rahmen bleibt. Ob im Liegen oder im Sitzen synchronisiert wird, hängt von der Situation ab. Wenn der Schauspieler im Bild krank im Bett liegt, dann liegt bei uns im Studio der Synchronsprecher schon auch mal auf einer Liege. Dadurch klingt die Stimme anders und der Sprecher kann sich leichter in die Situation rein versetzen, wie zum Beispiel Jochen Striebeck auf Albert Finney in „Big Fish“.

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Ihr Geschäftsführer Pierre Peters-Arnolds spricht in fast jedem der bei PPA Film synchronisierten Filme eine Rolle mit. Würde es Sie auch reizen ein Ensemble zu übernehmen, oder waren Sie gar schon in einer Produktion zu hören?

Stephan Fandrych
Ich glaube, ich habe schon mal in einem Film einen Feuerwehrmann gesprochen, der aber nicht im Bild zu sehen war. Der Text war glaub ich: „Schneller, schneller“ (lacht). Ich stell‘ mich auch gerne ins Studio dazu, wenn es heißt: Hintergrundgemurmel! Aber zu mehr habe ich kein Talent. Macht auch nichts.

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Wie gut ein Film beim Publikum ankommt, hängt nicht wenig von den eingesetzten Sprechern ab. Was sollte denn ein guter Synchronsprecher alles mitbringen?

Stephan Fandrych
Ein guter Synchronsprecher sollte sehr wandelbar sein und in der Lage sein den Charakter des Originalschauspielers wiederzugeben, ohne selbst zu viel Färbung in die Rolle zu bringen. Dazu gehört viel Erfahrung und ebenso viel Talent. Synchronsprechen ist einfach ein eigenes Genre in der Schauspielerei, so wie Theater, Dreh oder Hörspiel.

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Viele Fans beschweren sich, dass die Schaupspieler im Original teilweise etwas ganz anderes gesagt haben, als in der deutschen Fassung. Worauf kommt es Ihrer Meinung nach eher an? Auf originalgetreu übersetzte Dialoge oder auf die Lippensynchronität? Wie geht man beispielsweise bei Wortspielen vor?

Stephan Fandrych
Der Sinn des Originals ist natürlich erste Priorität. Wortspiele lassen sich nicht immer so übernehmen. Man versucht da ein ähnliches Wortspiel im Deutschen zu finden. Manchmal muss man da schon etwas umbauen. Um die Synchronität kommt man nicht drum herum, auch wenn man manchmal Kompromisse machen muss.

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Unter Anime-Fans hat sich PPA Film unter anderem mit den Synchros zu „Ranma 1/2“, „One Piece“ und „Inuyasha“ einen Namen gemacht. Worin bestehen die Unterschiede bei der Bearbeitung eines Realfilms und eines Animationsfilms?

Stephan Fandrych
Im Prinzip ist da kein so großer Unterschied. Man hat das Original und versucht das im Deutschen so gut wie möglich umzusetzen. Natürlich schreibt man an dem Synchronbuch für „Bad Boys 2“ ein bisschen länger als an einer Folge „One Piece“. Bei aufwändigen Kinofilmen dauern die Aufnahmen natürlich um einiges länger. Die ganze Vor- und Nachbereitung ist wesentlich aufwändiger.

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In welchem Rythmus wird eigentlich aufgenommen? Soll heißen: Stellt sich eine Angela Wiederhut, im Falle von „Inuyasha“, für jede Folge einzeln ins Studio?

Stephan Fandrych
Natürlich kommen die Sprecher mehrere Male ins Studio. Frau Wiederhut ist für 10 Folgen ca. 6 – 7 Tage im Studio. Nicht immer einen ganzen Tag, je nach ihren Terminen, aber wir nehmen natürlich staffelweise auf. Das heißt, immer in Blöcken von 12 – 15 Folgen. Kleinere Rollen sprechen ihre Parts in diesen Folgen dann vielleicht an einem Vormittag ein. Die Hauptrollen versuchen wir immer zusammen ins Studio zu bekommen, so ergibt sich ein schöneres Spiel unter den Figuren.

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Wie lange dauert es, bis ein Film oder eine Serie komplett abgabefertig ist?

Stephan Fandrych
Bei einem großen Kinoprojekt vergehen von Übersetzung bis zur fertigen Mischung ca. 4 – 6 Wochen. Das variiert, da nicht immer alle unter einen Hut zu bekommen sind. Bei Serien arbeiten wir eher kontinuierlich, soll heißen, wenn die Folge 1 ausgestrahlt wird, sind wir vielleicht mit Folge 36 im Studio. Zwischen Arbeitsbeginn bei uns und der Ausstrahlung liegen meistens 4 – 6 Wochen oder mehr.

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Sehen Sie sich Filme oder Serien an, bei deren Bearbeitung Sie beteiligt waren? Sind Sie dabei kritischer und achten auf eventuelle Fehler oder gibt es da keinen Unterschied?

Stephan Fandrych
Filme, die wir bearbeiten, sehe ich 20 – 30 mal in den verschiedenen Phasen. Da sieht man schon sehr kritisch hin, bzw. hört hin. Wenn ich andere Filme sehe kann ich da schon abschalten, obwohl ich wahrscheinlich mehr auf die Stimmen achte als andere. Sehr viele Sprecher kennt man ja persönlich. Ist immer interessant, was die so machen.

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Gibt es etwas, das Sie unseren Lesern da draußen sagen wollen?

Stephan Fandrych
Ich finde es toll, dass nicht zuletzt auch durch das Internet so viele Diskussionen über Synchros stattfinden. Wir lesen auch immer wieder in den verschiedenen Foren und finden es sehr interessant, was die Leute über unsere Arbeit und die unserer Kollegen denken. Die Synchronisation eines Filmes ist entscheidend für die Qualität des Films. Es ist nicht immer einfach gute Qualität zu bieten, wo heutzutage an jeder Ecke gespart werden soll. Aber mit Spaß und Begeisterung an der Arbeit und konstruktiver Kritik, werden wir es schaffen, die Qualität deutscher Synchronisationen weiter zu verbessern.

SynchroWorld.de
Wir wünschen Ihnen und der PPA Film auch weiterhin viel Erfolg!
Vielen Dank für dieses Interview!

Das Interview mit Stephan Fandrych führte ich im Jahr 2005. Veröffentlicht wurde es auf SynchroWorld.de, einem mittlerweile eingestellten Branchenmagazin für Synchronschaffende.

— InaiMathi, am 1. März 2005
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