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InaiMathi Blog

Interview mit Pierre Peters-Arnolds

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Herr Peters-Arnolds, Sie sind ja bekanntlich in München tätig, aber ursprünglich stammen Sie aus dem schönen Berlin und haben dort Ihre Jugend verbracht. Beschreiben Sie uns doch bitte Ihren Werdegang!

Pierre Peters-Arnolds
Von klein auf war ich kreativ tätig. Ich habe Theater gespielt, synchronisiert und gedreht. Auch gesungen und moderiert. Mein Vater hat in über zweihundert Stummfilmen mitgespielt, u.a. in „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Nebenbei hat er Theaterstücke geschrieben, Schlager und Romane. Auch als Theater-Intendant war er tätig. Von vorn herein stand für mich fest: Pierre landet nie bei der Commerzbank.
Mit zehn hatte ich meinen ersten privaten Schauspielunterricht. Ist schon komisch… Mein Vater ist in der Stummfilmbranche groß geworden, und sein Sohn spezialisiert sich auf das Wort. Der Apfel fällt manchmal doch weit vom Stu(a)mm…

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An welchen Theaterstücken haben Sie denn damals mitgewirkt?

Pierre Peters-Arnolds
„Der Sturm“, „Schuld und Sühne“, „Der Vater“, „Leben und Tod der Marilyn Monroe“, „Der Flieger“, „Mann ist Mann“, „Schwingen“, „Amphitryon“, „Die Weber“, „Tod eines Handlungsreisenden“…

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Und wenn ich mich nicht täusche, haben Sie bereits damals eine uns heute bestens bekannte Synchronstimme kennengelernt, oder?

Pierre Peters-Arnolds
Mit sechs Jahren stand ich zum ersten Mal auf der Bühne im Berliner Schlosspark Theater. Ich hatte für das Alter verhältnismäßig viel Text und ein Kollege kümmerte sich besonders nett um mich und versuchte mir immer wieder die Nervosität zu nehmen. Es war Randolf Kronberg, unter anderem die Stimme von Eddie Murphy. Wir verstehen uns auch heute noch bestens und lachen viel über die damalige Zeit!

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Wie Sie bereits erwähnten, war Ihr Vater seinerzeit ebenfalls beim Film aktiv, Ihre Schwester Philine arbeitet auch als Synchronsprecherin in Berlin – unter anderem als deutsche Stimme von Joan Cusack – und selbst Ihr Nachwuchs war schon im Studio und vor der Kamera aktiv! Stand es für Sie bereits in jungen Jahren fest, dass Sie in dieser Branche tätig werden wollen?

Pierre Peters-Arnolds
Wenn Sie die Synchronbranche meinen- nein, das hat sich im Laufe der Jahre so ergeben. Aber wenn man familiär so vorbelastet ist wie ich, Oma Pianistin, Vater Schauspieler und Mutter Opernsängerin, dann schnuppert man schon sehr früh kreative Luft, die man dann ein Leben lang zum Atmen braucht.

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Nach vielen erfolgreichen Jahren auf den Bühnen Berlins, haben Sie den Entschluss gefasst ins ferne München überzusiedeln. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?

Pierre Peters-Arnolds
Ach, eigentlich wollte ich mir nur eine Künstleragentur suchen. Die saßen damals alle in München und es waren ja, im Gegensatz zu heute, nur sehr wenige Agenturen zugelassen. Ich übernahm von Ute Willing, die damals in Berlin Theater spielte, ihr Zimmer in einer Wohngemeinschaft und wollte eigentlich nur einen Monat bleiben. Zu der Zeit wohnte dort auch Christian Tramitz, der gerade ein Stück für ein Kellertheater probte. Ein Schauspieler fiel aus, und ich sprang ein. Wir haben noch drei weitere Stücke gespielt und ich muss ehrlich zu geben, es war meine schönste Theaterzeit. Die Nähe zum Publikum- alles so ehrlich und direkt. Außerdem hat mich München total fasziniert. Nicht nur die Biergärten, nein auch die Berge, der Katzensprung nach Italien, die vielen Kellertheater und Strassencafes. In Berlin habe ich mehr oder weniger nur Nachts gelebt- in München hab ich den Tag entdeckt.

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Mit einem Partner gründeten Sie 1990 die Neue Tonfilm München und fassten somit auch im Produktionsbereich Fuß. Wie kam es dazu?

Pierre Peters-Arnolds
Man saß eines Tages so beim Bier, und überlegte sich mal was Neues zu machen. Mein Partner war Synchronaufnahmeleiter bei Kirch, und ich hatte als Synchronregisseur und Autor gerade Fuß gefasst. Irgendwann sagte einer: das machen wir – und dann haben wir’s gemacht. Wir sind da ganz unbefangen und spielerisch rangegangen.

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Kann man sagen, wieso es 1995 zur Trennung von der Neuen Tonfilm kam?

Pierre Peters-Arnolds
Ach nö, interessiert doch niemanden.

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Noch im selben Jahr meldeten Sie sich mit der PPA Film zurück. Dort sind Sie bis heute Geschäftsführer und haben sich auf dem deutschen Markt etabliert. Wie würden Sie Ihr Studio beschreiben?

Pierre Peters-Arnolds
Ich wollte eigentlich keine Firma mehr gründen. Aber ich hab vier Monate lang bei anderen Firmen gearbeitet und war total frustriert, was dort so teilweise zusammen synchronisiert wurde. Billig und schnell, bitte nur keine Kunst. Kreatives und technisches Personal wurde nach dem „Wer hat gerade Zeit-Faktor“ zusammengestellt. Für mich war und ist immer wichtig: Wer passt zu wem und mit wem bilden wir das beste Team, und wer passt zu welchem Film. Jeder muss mitspielen, wie im Fussball, allein bewege ich gar nichts.

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Zur allgemeinen Aufklärung: „PPA“ steht für…

Pierre Peters-Arnolds
Post Production Adaption. Nein, das wär natürlich ’ne Lösung. Es sind einfach die drei Anfangsbuchstaben meines Namens. Ich wurde in München schon sehr schnell so genannt. Pierre Peters-Arnolds haben die Bayern nach dem ersten Weißbier nicht mehr über die Lippen gekriegt.

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Um konstant hohe Qualität abliefern zu können bedarf es eines Teams, auf das man sich jederzeit zu 100 Prozent verlassen kann. Wer gehört denn neben Stephan Fandrych und Ihnen noch zur PPA Film?

Pierre Peters-Arnolds
Auch Stephan war so’n Typ, der mal was anderes ausprobieren wollte. Er kam als Aufnahme- und Mischtonmeister von der Bavaria zu uns, und nannte sich gleich Produktionsleiter. Oh Gott, das erste Jahr war ’ne Katastrophe. Jetzt ist er nicht mehr wegzudenken. Ohne ihn würde ich lieber Zeitungen austragen. Die zweite Säule in der PPA ist Alexander Schulz. Den hab ich vor fünfzehn Jahren bei einer Synchronisation in Berlin kennengelernt. Ich sprach da eine Rolle, er war Aufnahmeleiter, und meine Frau lag in Erwartung unseres ersten Kindes fast schon im Krankenhaus. Wie ich durch ihn später erfuhr, hatte er mir stündlich auf diverse Namen Flüge blockiert, damit ich im „Notfall“ schnell nach München konnte. Alexander kam dann zu mir nach München. Ohne seine Hilfe und Unterstützung würde es die PPA heute nicht geben. Dann haben wir noch unsere Dana Hopfe, Produktionssekretärin und gute Laune vom Dienst, Kai Medinger, auch von der Bavaria und bei uns Chef Tonmeister, Alexander Köhler, das absolute Computer-Hirn und ProTools-Freak und natürlich Michael Mitra, unsere Schnitt-Fee. Einer der wenigen Männer im Cutter-Bereich.

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Wo Sie es ansprechen: Was meinen Sie woran es liegt, dass der Beruf des „Cutters“ so von Frauen dominiert wird? Das fällt wirklich auf… Ständig ist von „Cutterin“ die Rede!

Pierre Peters-Arnolds
Tja, das ist genauso schwer zu erklären wie der Beruf der Zahnarzthelferin. Vielleicht liegt es an den sensibleren, zarteren Händen. Mal ehrlich, wer hat schon gerne männliche Wurstfinger im Mund?

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Die PPA Film verfügt über zwei getrennte Sprachaufnahmestudios. Eines davon befindet sich auf dem Gelände der Produktionsfirma ARRI. Was hat es damit auf sich?

Pierre Peters-Arnolds
Ja, wir haben zwei Studios: Das „Studio B“ in der ARRI, und das Studio „G-Punkt“ in der Bavaria. Damit sind wir auf beiden Filmgeländen in München vertreten. Beide existierten bereits vorher als Aufnahmestudios und wurden uns zur Übernahme angeboten.
Das Studio in der Bavaria hieß schlicht und einfach „Studio G“, und uns wurde nahe gelegt, diesen „Markennamen“ doch zu ändern, um eventuellen Streitigkeiten mit der Bavaria Synchron aus dem Weg zu gehen. Alexander Schulz kam auf die glorreiche Idee, einfach nur einen Punkt dahinter zu machen. Mehr steckt nicht dahinter.

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Geben Sie uns doch bitte einen Überblick über Ihren Kundenstamm. Für welche Studios arbeitet die PPA Film?

Pierre Peters-Arnolds
Am besten nachzulesen auf unserer Homepage www.ppafilm.de.

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Die PPA Film genießt unter Synchronsprechern und Kennern der Branche einen sehr guten Ruf. Ganz naiv gefragt: Was machen Sie anders als die Konkurrenz?

Pierre Peters-Arnolds
Wir sind ja mit die Einzigen mit einem kreativen Kopf. In den anderen Firmen sitzen ja Kaufleute an der Spitze oder solche die sich dafür ausgeben. Die halten schön ihr Geld zusammen und passen auf, dass die Rendite stimmt. Das tun wir natürlich auch, aber bevor wir eine Stimme auf einen Star oder guten Schauspieler besetzen würden, nur weil sie weniger kostet oder keine Reisekosten verursacht, würden wir beim Auftraggeber alle Hebel in Bewegung setzen oder die Portokasse plündern. Im Lauf der Jahre hat sich natürlich ein Kundenstamm aufgebaut, der uns gerade deswegen schätzt. Wir stehen zu jeder Synchronisation, egal ob DVD, Kino oder Serie und behandeln auch alle gleich. Ich find es total scheiße, Projekte lieblos zu behandeln, nur weil man sich vom Auftraggeber hat drücken lassen oder sie „nur“ auf DVD erscheinen. Wir treten auch im Gegensatz zu anderen an die Öffentlichkeit. Wir wollen Kritik, eine Resonanz unserer Arbeit. Ja, wir würden uns sogar bei der einen oder anderen Filmkritik ein paar Worte über die Synchronisation wünschen. Es ist eine tolle Arbeit, verdammt schwer und immer wieder eine neue Herausforderung. Immer wieder an neuen großen Filmen zu arbeiten, mit immer wieder neuen Leute macht unglaublich Spaß. Und diesen Spaß bringen wir – glaub‘ ich zumindest – in unserer Arbeit auch rüber.

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Apropos Spaß…
Von Angela Wiederhut haben wir erfahren, dass es bei Ihnen einen sagenumwobenen „Terminator-Flipper“ gibt. Wer hält denn aktuell den Rekord?

Pierre Peters-Arnolds
Diese Frage trifft mich hart. Unser Tonmeister Kai Medinger ist einsamer Rekordhalter mit über 250 Millionen Points. Der muss ab sofort zwei Schichten im Studio fahren, damit er nicht mehr üben kann. Danach folgt ein dicht gedrängtes Mittelfeld mit Alexander Schulz, Stephan Fandrych und mir. Die Points hab ich mir nicht gemerkt. Aber ich glaube, wir sind alle mindestens siebenstellig.

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Von welchem Projekt würden Sie behaupten, dass es das umfangreichste in der bisherigen Firmengeschichte der PPA Film war?

Pierre Peters-Arnolds
Das war eindeutig „Hamlet“ mit Kenneth Branagh. 14 Akte, viereinhalb Stunden Länge, vier Wochen Aufnahmen mit allem was Rang und Namen hat. Und das gleich ein Jahr nach der Gründung.

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An welche Produktionen erinnern Sie sich immer mal wieder zurück?

Pierre Peters-Arnolds
Naja, es werden natürlich immer mehr, umso älter man wird. Aber auf jeden Fall an meinen ersten Film als Synchronautor- und Regisseur: „James Bond – Der Hauch des Todes“. Man, hab ich da gelitten. Ich krieg jetzt noch Sodbrennen, wenn ich daran denke. Ganz oben mit dabei: „Mississippi Burning“, „Der Rosenkrieg“, „Lost in Translation“, „Men in Black“ und „Sea of Love“. Heute noch einer meiner Lieblingsfilme. Allein schon wegen Ellen Barkin. Negative Erinnerungen hab ich nicht. Passt nicht zu mir.

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Wissen Sie noch, bei welcher Produktion Sie Ihr Synchrondebüt gaben und wen Sie gesprochen haben?

Pierre Peters-Arnolds
Wen ich als Ersten gesprochen habe, weiß ich nicht mehr. Aber meine erste Serie war „Westlich von Santa Fe“, den Fred. Dafür war ich übrigens mit zwölf auch schon mal ein Jahr in München. Meinen Vater sprach Nils Clausnitzer.

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Neben Ihrer Tätigkeit als Synchronsprecher, verdienen Sie natürlich vor allem als Synchronautor- und Regisseur ihr Geld. Aber auch unter Hörspiel-Fans sind Sie kein Unbekannter. Seit wann sind Sie auch in diesen Bereichen tätig und was hat Sie daran gereizt?

Pierre Peters-Arnolds
Mal ehrlich, als Synchronsprecher verdiene ich kaum noch was. Die Konkurrenz holt mich nicht so gern ins Haus. Im Bereich Hörspiel / Hörbuch bin ich eher als Regisseur oder beratend tätig. Geschrieben hab ich in diesem Bereich noch nichts. Ich würde gerne, aber die Zeit… Synchronautor war ich, bis auf ganz wenige Ausnahmen, bei allen Filmen, bei denen ich auch Regie geführt habe. Für mich gehört das unbedingt zusammen, auch wenn einige da anderer Meinung sind. Denn nur wenn man einen Film auch schreibt, die tausend Puzzleteilchen fleißig zusammensetzt, hat man als Regisseur eine Basis. Dann weiß man genau wie man`s haben will, und wird nicht mehr verarscht.

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Aber als Sprecher konnte man Sie doch schon in einigen Hörspiel-Produktionen hören, oder?!

Pierre Peters-Arnolds
Da braucht man schon ein verdammt gutes Ohr, um mich in den aktuellen Hörspielen und Hörspiel-Kassetten noch zu erkennen. Denn diese Aufnahmen liegen mindestens schon 20 Jahre und länger zurück. Als Kind und Jugendlicher habe ich sehr viel gesprochen, beim SFB (heute „RBB“, Anm. d. Red.) und für diverse Hörspielproduktionen. Viele davon wurden heute wieder auf den Markt geworfen. Ist schon lustig, wenn die eigenen Kinder dann mit einer MC in der Hand kommen und sagen: „Papa, du bist ja der kleine Freitag. Guck mal, da steht’s auf der Hülle.“

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Wie würde denn im Hörspiel-Genre ein Traumprojekt von Ihnen aussehen?

Pierre Peters-Arnolds
Ich würde gern mal ein Hörspiel inszenieren wie einen Film. Mit viel Musik, Effekten und lebendiger Sprache. Mit vollem Sound in 5.1… Die Schauspieler müssten mit gelerntem Text erscheinen und ihre Rollen spielen -nicht ablesen.

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Wieder zurück zur Synchronisation:
Gibt es eine Produktion von der Sie sagen, dass Sie auf das Gesamtergebnis besonders stolz sind?

Pierre Peters-Arnolds
Ich bin stolz auf jedes Ergebnis. Hey, wir arbeiten in einer so tollen Branche. Wir bearbeiten große und kleine Filme, wir werden mit unserer Synchronisation ein Teil dieser Filme. Wir sehen sie schon Monate vor dem Start und tragen Mitverantwortung ob die Filme laufen oder nicht. Und jeder, der Synchron doof findet, sollte sich erstmal einen Einblick verschaffen, wie viel Arbeit dahinter steckt und wie viele Leute daran beteiligt sind.
Als Regisseur bin ich nach wie vor begeistert von der Leistung von Sandra Schwittau in dem Film „The Crying Game“ auf den Transsexuellen. Als Sprecher war ich in dem Film „Vier lieben Dich“ am meisten gefordert. Michael Keaton viermal geklont, vier verschiedene Charaktere. Da schlägt das Schauspielerherz Purzelbäume.

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Was würden Sie jemanden entgegnen, der angibt, schon aus Prinzip auf die Originaltonspur auf der DVD umzuschalten, anstatt sich die „verschandelte“ synchronisierte Version anzusehen?

Pierre Peters-Arnolds
Ist natürlich schade wenn manche so voreingenommen sind. Aber ich find‘ das okay. Film soll unterhalten und Emotionen wecken. Auf welche Art und Weise das passiert bleibt jedem selbst überlassen. Aber es ist doch schon mal toll, dass wir in Deutschland die Auswahl haben zwischen Synchron und Original. Aber was machen die Original-Freaks bei tschechischen, griechischen oder indischen Filmen? Untertitel?
Mich persönlich lenken die viel zu sehr von den Schauspielern ab. Statt in die Augen zu sehen, bin ich immer nur am lesen. Aber wir müssen uns in Deutschland damit abfinden, dass gern gemeckert wird. In Italien oder Spanien zum Beispiel sind Synchronsprecher absolute Stars. Die haben sogar eigene Festivals, auf denen sie gefeiert werden. Und daß in Amerika nicht synchronisiert wird ist ja logisch. Wenn ein europäischer Film Erfolg verspricht, wird er gleich nachgedreht. Das dient dem Schutz der amerikanischen Filmindustrie. Davon sind wir noch Lichtjahre entfernt.

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Wie sieht denn ein ganz normaler Arbeitstag von Ihnen aus?

Pierre Peters-Arnolds
Ach herrje, um halb sieben mit meinen drei Kindern aufstehen, frühstücken, ab in die Firma und das ganz normale Chaos auf sich einwirken lassen. Bürokram, Kalkulationen, Aquise, Texten oder Regie führen, usw., usw., usw. zwischendurch mal Tennis und mit Branchenfremden quatschen.

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Und wie hat man sich Ihre alltägliche Arbeit als Synchronautor vorzustellen? Sie bekommen das „Rohmaterial“ zugeschickt…

Pierre Peters-Arnolds
…und dann sitze ich je nach Länge und Schwierigkeitsgrad bis zu zwei Wochen in einem kleinen Kämmerchen und bastele die Rohübersetzung auf die Lippen. Ich erwecke die Rohübersetzung sozusagen umgangssprachlich zum Leben. Viele Slang-Ausdrücke und Jokes haben ja im Deutschen keine Bedeutung. Da muss man Alternativen finden. Mein Lieblingsbuch ist das Synonymlexikon von Duden. Liegt immer griffbereit. Auch finde ich die ganzen Amerikanismen, wie man sie oft in synchronisierten Serien hört, furchtbar. Bei mir würde nie ein „Mom“, „Sohn einer Hure“, „Bastard“ oder „Bist du okay“ vorkommen. Auch übernehme ich nur selten das Imperfekt. „Fuhrst du den Wagen“ oder „Sagtest du es ihr“ klingt doch erschütternd. Das ist bei uns die Sprache der Vorkriegsgeneration, aber nicht der Jugend.

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Von einem recht bekannten Synchronregisseur, dessen Name mir allerdings gerade entfallen zu sein scheint, habe ich kürzlich erfahren, dass man sich am Ende des Tages ziemlich schizophren vorkommt, wenn man im Studio gleichzeitig als Regisseur und Sprecher tätig ist. Können Sie dies bestätigen?

Pierre Peters-Arnolds
Nein. Okay, es kostet natürlich die doppelte Kraft. Macht aber auch gigantisch Spaß. Da kann ich mich hundert Prozent auf meine Mitarbeiter verlassen. Ohne deren Offenheit und Kritik könnte ich das gar nicht. Das ist ja das Schöne daran, wenn man schon so viele Jahre eng zusammen arbeitet und sich nichts mehr vormachen muss. Aber da fallen mir nicht mal zehn gute Leute in Deutschland ein, die das überhaupt draufhaben. Es gibt leider sehr viele Quereinsteiger auf dem Regiestuhl, die so kreativ sind wie ein Frosch. Und so gequakt klingt dann auch das Ergebnis.

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Wie macht man es einem Verleih eigentlich klar, dass man sich in einer Produktion auch mal selber besetzt? Sie sind ja in Filmen, die bei der PPA Film bearbeitet wurden, ziemlich oft in kleineren und größeren Rollen zu hören…

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Nun bin ich ja bei den Verleihen als Sprecher kein Unbekannter. Oft sagen sie sogar von sich aus: Hey, den musst du sprechen. Im Grunde haben sie mich ja auch, bis auf ganz wenige Ausnahmen, exklusiv. Außerdem ist bei Kinofilmen oder großen Fernsehproduktionen immer ein Supervisor oder Redakteur bei den Aufnahmen dabei. Die freuen sich richtig, wenn sie auch mal Regie führen dürfen und den PPA quälen können.

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Als erfahrener Synchronautor und Regisseur, wie Sie es sind, sollte man doch am besten wissen, wen man auf welchen Schauspieler besetzt und welche Entscheidung gut von den Fans aufgenommen wird. Wie sehr schmerzt es dann, wenn man vom Verleih oder Supervisor bestimmte Auflagen bekommt? Aktuelles Beispiel: Die Entscheidung in „Fantastic Four“ Stefanie Kellner auf Jessica Alba zu besetzen…

Pierre Peters-Arnolds
Ja, es schmerzt schon sehr, und es ist ein großer Kampf. Aber man muss die Verleiher auch verstehen. Ein Film soll ja nach der Kinoauswertung auch noch über viele Jahre hinaus auf verschiedenen Medien Geld einspielen. Nicht umsonst geht es bei großen Filmen heute nicht mehr ohne Voice Casting. Klar vertraut man meiner Erfahrung, aber trotzdem wird die Besetzung von vielen getroffen. Und gerade die haben auch ihren Arbeitsplatz zu verteidigen. Die Zeiten sind rauer geworden. Amerika lässt grüßen. Shandra Schadt wird bei mir noch viele Rollen sprechen. Vielleicht auch wieder Jessica Alba.

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Haben Sie eigentlich einen persönlichen Favouriten? Mit welcher Synchronstimme arbeiten Sie immer wieder gerne zusammen?

Pierre Peters-Arnolds
(lacht) Ist das ’ne Fangfrage? Mal ehrlich, man hat in jeder Branche seine Lieblinge und solche mit denen man auskommen muss. Wenn ich jetzt alle meine Lieblinge aufzählen müsste, würde ich Blasen an den Fingern kriegen.

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Neben der Bearbeitung von Hollywood-Blockbustern, wie „Men in Black“ I + II, „Lost in Translation“ und „Fantastic Four“, hat sich die PPA Film auch auf die Nachsynchronisation deutscher Spielfilme spezialisiert. Wo liegen – neben der Motivation, dass man im Abspann erwähnt wird – die Unterschiede in der Art, wie man an solche Filme herangeht?

Pierre Peters-Arnolds
Dass alle Beteiligten im Abspann erwähnt werden, ist doch eigentlich ganz normal. Sie haben ihre Leistung erbracht und gehören namentlich dahin. Dass das nur noch bei deutschen Produktionen oder öffentlich-rechtlichen Fernsehspielen der Fall ist, ist gelinde gesagt eine Missachtung. Warum wird Synchron mit Anonymität bestraft?
Eine deutsche Nachsynchronisation ist das Schwerste was man sich vorstellen kann. Ich kenne kaum einen Schauspieler der das gern macht, oder kann. Es sind ja keine Synchronprofis und der letzte Drehtag liegt meist schon Monate zurück. Die Arbeit besteht nun darin, sie wieder an das Original heranzuführen, ihnen ihre Ängste zu nehmen. Jeder Satz, jeder Laut oder Atmer wird hart erarbeitet.
Man schafft am Tag auch höchstens nur das halbe Pensum gegenüber einer Fremdsynchronisation. Aber genau darin liegt für mich der Reiz. Die Arbeit am Wort, am Ausdruck. Helfen zu können, meine ganze Erfahrung mit einfließen zu lassen, -…das sind Sternstunden.

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Zur Erklärung: Wann wird eigentlich nachsynchronisiert?

Pierre Peters-Arnolds
Nachsynchronisiert werden Szenen, bei denen man zu viele Störgeräusche unter der Sprache hat, wie z.B. Autofahrten, Liebesszenen am Wasserfall, künstlicher Regen mit Wind- und Regenmaschinen, zu lautes Kamerasurren, etc… Aber auch Szenen, die beim Dreh schauspielerisch noch nicht auf den Punkt waren.

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Könnten Sie uns ein paar Filme nennen, bei denen Ihr Studio für die Nachsynchronisation verantwortlich war?

Pierre Peters-Arnolds
„Wilde Kerle“, „Sophie Scholl“, „Barfuss“, „Siegfried“, „Nibelungen“, „Kein Himmel über Afrika“, „Es ist ein Elch entsprungen“…

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Geben Sie uns zum Schluß noch einen kleinen Überblick über die Produktionen, an denen aktuell bei der PPA Film gearbeitet wird. Auf welche kommenden Kinofilme, DVDs, etc. können sich die Synchronfans freuen?

Pierre Peters-Arnolds
„Legend of Zorro“, „Inuyasha Spielfilme“, „Elvis“ Teil I und II, Hörbuch Jan Weiler: „Antonio im Wunderland“ (unbedingt anhören oder lesen), und ein paar deutsche Kino-Produktionen, über die wir laut Vertrag noch nicht reden dürfen…

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Herr Peters-Arnolds, wir möchten uns bei Ihnen dafür bedanken, dass wir Sie und Ihr Studio PPA Film unseren Lesern etwas näher vorstellen durften. Für die Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute und auch weiterhin viel Erfolg!

Pierre Peters-Arnolds
Ich danke!

Das Interview mit Pierre Peters-Arnolds führte ich im Jahr 2005. Veröffentlicht wurde es auf SynchroWorld.de, einem mittlerweile eingestellten Branchenmagazin für Synchronschaffende.

— InaiMathi, am 1. September 2005
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