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InaiMathi Blog

Euphoriebremse lockern!

1. FC KölnIch bin enttäuscht. Enttäuscht von meinem Verein, dem 1. FC Köln, und seiner scheinbar alternativlosen, mit harter Hand durchgezogenen Außendarstellung, wie wir sie nunmehr bereits seit über zwei Jahren erleben. Aber der Reihe nach…

Fangen wir beim ursprünglichen Problem an: Nicht wenige Kölner Fußballfans kennen, zumindest so sie denn primär mit dem 1. FC Köln sympathisieren, in der Regel lediglich zwei krass gegensätzlich gepolte Emotionensstadien. Als da wären: zum Himmel hoch jauchzend und zu Tode betrübt, bzw. alles geil und alles scheiße, bzw. noch weiter herunter skaliert: Schwarz und Weiss – so zumindest das in der Republik weit verbreitete Klischee. Und in der Tat: Nach Siegen, und seien diese noch so zusammengerumpelt, wähnen viele sich gerne mal auf Champions-League-Kurs – und meinen dies auch ernst! -, bei Niederlagen, und seien sie noch so unverdient, wird oftmals gerne der direkte Abschied herbeigeredet. Dazu passt: Wer bei Heimspielen im RheinEnergieStadion auf der Süd steht, seine vier, fünf Liedchen runternuschelt – zumindest dann, wenn gerade einmal nicht boykottiert wird -, noch vor dem Halbzeitpfiff das vierte Bier kippt und wenn’s drauf ankommt aktiv Straftäter deckt, die den Verein in der Regel einiges an Geld kosten, da natürlich dieser es ist, der für Verstöße gegen die DFL-Richtlinien, bzw. Stadionordnung zur Kasse gebeten wird, ist natürlich „Edelfan“ aka Ultra. Andere, denen was an der Mannschaft und ihrem Spiel gelegen ist – Leute wie ich -, werden hingegen als „Event-Ottos“ diffamiert und aus der Kurve heraus, deren „Fankultur“ dem geneigten Beobachter nicht selten äußerst abgehoben erscheint, belächelt.

Nun ist der Verein zu Beginn der glorreichen Aufstiegssaison 2013/14 unter Peter Stöger hingegangen und hat in Person von Geschäftsführer Sport Jörg Schmadtke die „Euphoriebremse“ („Ruhig, ganz ruhig bleiben!“) gezogen, so nach dem Motto: Leute, jetzt dreht mir hier nicht wieder durch, bleibt einfach mal auf dem Boden der Tatsachen – danke! Der eingetretene Erfolg gibt der sportlichen Führung recht, und ich persönlich fand die Maßnahmen in der damaligen Situation auch gut und richtig, immerhin wollte man angesichts der angespannten finanziellen Situation das große Ziel Wiederaufstieg nicht gefährdet sehen. Nun ist der Effzeh im zweiten Jahr zurück im Oberhaus, zieht dem Vernehmen nach immer neue finanzkräftige Sponsoren an Land, baut infolge dessen peu á peu seine Schulden ab – und die nach wie vor mit voller Härte angezogene „Euphoriebremse“ trägt inzwischen maßgeblich dazu bei, dass ich mich immer weiter vom Verein, dessen Mitglied ich bin und dem ich mein Herz als Fußballfan geschenkt habe, entfremde.

Es ist ein eher stilles Leiden, das ich und mit mir wohl auch einige andere FC-Anhänger seit Monaten durchmachen. Dank der tatkräftigen indirekten Mithilfe einiger unverbesserlicher „Edelfans“ ist es inzwischen nicht einmal mehr möglich, sich über einen errungenen Sieg zu freuen, wie Schmadtke vor zwei Wochen nach dem Derbiesieg gegen die ChemPark-Kicker vom Autobahnkreuz (aka Leverkusen) einmal mehr hat raushängen lassen. Den genauen Wortlaut habe ich inzwischen verdrängt, doch seine Grundaussage ist hängen geblieben: Auf die Nachfrage des Sky-Reporters Ecki Heuser, der wissen wollte, wie wichtig denn der gerade eingefahrene Derbysieg war, gab unser Sport-Geschäftsführer zu Protokoll, dass auch ein Derbysieg ein Sieg wie jeder andere sei, da man auch bloß drei Punkte erhalte, – alles wie immer, nichts besonderes eben. Dann die Nachfrage nach dem zweifachen Torschützen Dominik Maroh, der die Pillen quasi im Alleingang abgeschossen, bzw. abgeköpft hat. Schmadtke war erneut sichtlich bemüht, jede aufkommende Euphorie… nein, das wäre zu hoch gegriffen… jedes Freudengefühl im Keim zu ersticken, indem er meinte, dass er nicht wisse, was er dazu [zu Marohs beiden Toren] großartig sagen soll. Dann erbarmte er sich schließlich doch noch und hänge ein gewohnt nüchternes „Hat er toll gemacht“ hinten an. – Meiner Meinung nach, kam das im Interview unserer in vielerlei Hinsicht großartigen Mannschaft und insbesondere Dome gegenüber schon sehr respektlos rüber, – und es war weiß Gott nicht das erste Mal, dass er sich gegenüber den Medien, sei es nun Sky oder sonst wer, in der geschilderten Art und Weise zu guten Leistungen des Teams geäußert hat. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Da feiert der 1. FC Köln nach vielen Jahren mal wieder einen Auswärtssieg in Leverkusen und unsere Verantwortlichen haben offenbar nichts anderes zu tun als in gewohnter Manier die vielleicht eventuell unter Umständen aufkommenden Glücks- und Freudengefühle abzuwürgen, um ja nicht Gefahr zu laufen, den Medien oder wem auch immer eine Steilvorlage zu liefern für einen Artikel über „die mal wieder von der Champions League träumenden Kölner“. Wie kommt sowas denn bitte rüber?!

Während ich diese Einstellung, bzw. die sich selbst auferlegte „Euphoriebremse“ im Aufstiegsjahr, als der Effzeh relativ souverän Meister der 2. Fußball-Bundesliga wurde, wie weiter oben geschrieben noch durchaus nachvollziehen konnte, ist es im mittlerweile zweiten Jahr im Oberhaus nur noch unverständlich, dass weiterhin so gehandelt wird. Man führe sich vor Augen: Der FC hat Stand jetzt eine gute Hinrunde gespielt, liegt was die Punkteausbeute angeht über Soll und dank Siegen über große Mannschaften (Ponys, Sch**** 04, Autobahnkreuz), darunter auch einige, die von nicht vielen Beobachtern für wahrscheinlich eingestuft wurden, im soliden gesicherten Mittelfeld der Tabelle, die Top-6 nach wie vor lediglich einen Katzensprung entfernt. Das ist für einen Verein wie den 1. FC Köln, der weiß Gott nicht die Moneten in den Arsch geblasen bekommt wie z.B. Plastikclubs wie Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, RB Leipzig, eine entsprechende Mannschaft sein Eigen nennt und dessen Saisonziel es ist Platz 14 zu schaffen, ausgesprochen bemerkenswert, wie ich finde. – Nur: Ausgelassen freuen über diese tolle Mannschaftsleistung darf man sich scheinbar nicht. Oder zumindest nur innerlich. Siege sollen wohl, ginge es einzig und allein nach Schmadtke und Co., höchstens zur Kenntnis genommen, abgehakt und dann nicht weiter mit Aufmerksamkeit bedacht werden. Diese rigorose Linie wird vom Verein nun sogar in den sozialen Netzwerken wie bei Twitter, Facebook und Co. gefahren, indem Posts und Status-Updates wie zum Beispiel das folgende veröffentlicht werden: „Der #Effzeh hat gegen XYZ verdient mit 3:1 gewonnen. Kommende Woche treten wir in XYZ an. Schönen Abend noch!“ Keine nach außen getragene Freude, vollkommen emotionslos, steril – eben spürbar anders als all das, was ich mir von einem gar nicht mal so erfolglosen Sportteam wünsche.

Der 1. FC Köln beruft sich oft darauf, ein integraler Teil Kölns zu sein. Ein Teil dieser großartigen und lebensfrohen Stadt, deren Einheimische in der Regel mit ihren Emotionen und Gefühlen nicht hinter dem Berg halten können. Der FC ist dabei nicht bloß ein schnöder Fußballverein, sondern überdies seit Anfang 2015 auch ein eingetragener Karnevalsverein und Mitglied im Festkomitee des Kölner Karnevals, lässt vor Beginn seine karnevalistisch angehauchte Vereinshymne „Mer ston zo dir!“ erklingen, woraufhin knapp 48.000 ihre Fanschals gen Himmel strecken und voller Inbrunst mitsingen. Ja, der FC ist sogar so bekloppt und bringt seit zwei Jahren ein mehr oder minder gelungenes Karnevalstrikot heraus. Wie genau passt all dies zu der beschriebenen höchst biederen Außendarstellung à la graue Maus Hannover 96? Bitte nicht falsch verstehen: Ich distanziere mich ausdrücklich von Randalierern und all jenen, die offenbar so gehandicapt sind, dass sie ihre Emotionen lediglich mit einer mehrere hundert Grad heißen Fackel in der Hand zum Ausdruck bringen können! Der aktuelle triste Zustand ist allerdings auch keine Option!

Denn: Mit welcher Berechtigung werden Fans, die nichts, aber auch wirklich rein gar nichts, mit den beschrieben Deppen und Chaoten gemein haben, vom Verein „bestraft“, indem sich dieser immer mehr seiner Lebensfreude entledigt, die ihn seit seiner Gründung im Jahr 1948 ausgemacht hat, und sich damit peu á peu von dem Verein entfernt, dessen Fan ich einst geworden bin? Warum sind wir die Leidtragenden einer in den Jahren vor dem letzten Abstieg teils extrem aus dem Ruder gelaufenen, überheblichen „Fankultur“ und einigen Lokalmedien, die wohl nichts großartig anderes auf ihrer Agenda hatten als draufzuhauen, zu überzeichnen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Zwietracht zu sähen zwischen dem Verein, Spielern und Fans? Ich für meinen Teil bin erwachsen und erfahren genug um für mich einordnen zu können, wie ich errungene Siege und schmerzhafte Niederlagen zu bewerten und ins große Ganze einzuordnen habe, dass ich nicht nach einem Sieg direkt nach der Champions League oder Europa League brülle, genau so wenig wie ich bei einer eventuellen Niederlagenserie gleich alles schlecht rede und den Abstieg förmlich herbeisehne, um mich bestätigt zu sehen, wie dies in so manchem Effzeh-Fanforum und dem ein oder anderen Artikel einiger verwirrter Schreiberlinge noch immer gang und gäbe ist. Wenn diese Leute dies wie so man anderes Thema auch nicht auf die Kette bekommen, ist das nicht mein Problem.

Ich finde es extrem schade, dass vielen, vielen Vereinsanhängern ihr Hobby durch die hammerhart durchgezogene „Euphoriebremse“ so vermiest wird – vom eigenen Verein, wohlgemerkt!

— InaiMathi, am 21. November 2015
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